Technokratischer Vorwurfsdiskurs

20. März 2007 § 3 Kommentare

Angemessen kritisch bespricht Mariam Lau in der WELT das neue Buch von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, „Wir müssen das Land für die Frauen verändern“:

Es ist auch davon die Rede, wie Heiko von der Leyen, der Ehemann der Ministerin, damit zu kämpfen hatte, dass sie plötzlich den „gewichtigeren“ Job von beiden bekleidete: „Keine Ehe ist konfliktfrei“, so die Ministerin, „und es ist für meinen Mann und mich ein erst sehr schwieriger und dann sehr bereichernder Lernprozeß gewesen.“ … Man sei als Paar an dieser Sache gewachsen, erklärt Ursula von der Leyen. „Die Liebe wird vielleicht nicht größer, aber tiefer.“

Es ist dieser Ton, den man ansonsten gelegentlich in dem Buch vermisst: das gemeinsame, Familie als Thema von Frauen und Männern. Statt dessen ist eben plötzlich wieder davon die Rede, Familienpolitik dürfe keinesfalls Frauenpolitik überlagern. Aber was soll das sein, „Frauenpolitik?“

Als das Buch gestern … vorgestellt wurde, war zu spüren, wie ungeklärt diese Frage im Familienministerium ist. Kein Wunder: schließlich muß von der Leyen auf die Union einerseits und auf den „feministischen“ Mainstream andererseits Rücksicht nehmen. Worauf zielt die Forderung nach mehr Krippenplätzen, nach Elterngeld, nach besserer Absetzbarkeit von Betreuung: geht es nur um die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, geht es um die Lösung eines demografischen Problems, oder geht es um „Gender Mainstreaming“ und überhaupt den Wunsch, „das Land für die Frauen zu verändern“?

… Was einem … entgegenkommt, klingt nach dem traditionellen, vorwurfsvollen Diskurs der sechziger Jahre, nur technokratischer: „Ich arbeite sehr gerne, ich habe Kinder, das ist toll, da kann ich mein Frausein ausleben. Es sollte eine Win-Win-Situation sein“, sagt die Zahntechnikerin Michelle, „ich habe aber das Gefühl, dass es eine Loose-loose-Situation ist, weil ich weder meiner Rolle im Job noch zu Hause gerecht werde“.

Es ist zwar ohne Zweifel richtig: mit ganzen 500 Unternehmen, die sich inzwischen um Familienfreundlichkeit bemühen, sind es noch viel zu wenig. Aber dass es nach all den Jahren immer noch so klingt, als sei das alles nur ein Problem für Frauen, und keine Frage des gemeinsamen Lebensglücks, nicht zuletzt auch für die Kinder – das ist eben wirklich erschreckend wenig Fortschritt seit gut 30 Jahren.

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§ 3 Antworten auf Technokratischer Vorwurfsdiskurs

  • bevanite sagt:

    hach, hier ist ja wieder vom „feministischen” Mainstream“ die rede… ich glaube, ich muss da irgendwas verpasst haben!

  • Ingo Way sagt:

    Glaube ich auch.

  • FAB. sagt:

    ja, ich halte diesen Ausdruck auch für einen Euphemismus …

    Frage an Radio Leyen:
    Meine Frau beharrt starrsinnig darauf, sie habe keine Lust, Kinder in die Welt zu setzen, die sie dann nur abends ein paar Stunden zu sehen bekomme.
    Was kann ich dagegen tun?

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