Zum Vatertag

17. Mai 2007 § 2 Kommentare

Emanzipation der Väter. Ein Interview mit dem Berliner Politologen und Männerforscher Peter Döge:

Döge: (…) ich finde es auch wichtig, dass Väter ihre Interessen beim Vater-Sein nicht vergessen. Wenn man der Frage nachgeht, warum bleiben Männer kinderlos, es sind ja nicht nur Frauen kinderlos, sondern auch Männer. Da führen Männer viel stärker als Frauen an, dass sie befürchten ihre Interessen nicht mehr verfolgen zu können. Und von daher ist es schon auch wichtig, dass Männer, die Väter sind, sich auch diese Auszeit nehmen und sagen, ich möchte auch mal was für mich machen. Dasselbe Recht sollten sich auch Frauen nehmen. Es gibt ja auch die Empfehlungen, dass eine Partnerschaft, die eine Elternschaft wird, sich auch ganz bewusst diese Auszeiten vom Kind nimmt, damit auch diese Partnerschaft lebendig bleibt.

Heise: Ich würde jetzt gern mal auf diese Zeiteinheiten zu sprechen kommen. Sie haben nämlich vor einigen Jahren mal eine Studie zum Zeitbudget von Männern mitgemacht, vorgelegt. Darin heißt es, Männer, die Väter von Kindern zwischen 0 und 3 Jahren sind, widmen sich täglich 4 Stunden dem Haushalt und den Kindern. Das erscheint mir eine wahnsinnig hohe Zahl zu sein.

Döge: Diese Zahl erscheint nicht nur Ihnen hoch. Immer wenn ich Vorträge zu neuem Vater-Sein halte ist es meistens die Stelle, wo im Publikum so ein Raunen losgeht. Als wir diese Zeitdaten ausgewertet haben konnten wir es erstmal selber nicht glauben. Wir haben das drei, vier Mal nachgerechnet, weil wir gedacht haben, dass wir einen Rechenfehler haben, aber es kam tatsächlich immer dasselbe heraus. Dieser hohe Zeitwert ist damit zu erklären, dass das statistische Bundesamt einen breiteren Begriff von Hausarbeit anwendet, als wir ihn so in unserer Alltagskommunikation gewöhnt sind.

Wenn wir über Hausarbeit sprechen, so im Alltag, meinen wir in der Regel kochen, putzen, waschen, aufräumen und das sind überwiegend die Tätigkeiten, die die Frauen machen. Die Tätigkeiten, die überwiegend Männer im Haushalt machen, fallen bei dieser Definition hinaus. Und das Statistische Bundesamt hat zum Beispiel unter Haus- und Familienarbeit noch begriffen: Reparaturen. Das klassische, was die Männer immer noch am meisten machen, außerdem Gartenarbeit. Und wir haben dann auch mal nachgeguckt, was machen denn junge Väter und da konnte man tatsächlich sehen, dass bei denen der Wert für Reparaturen unheimlich in die Höhe schnellt. Anscheinend ist es Vateraufgabe den kaputten Roller zu richten, das kaputte Lieblingsspielzeug zu richten und das ist wichtige Hausarbeit. Und man darf auch nicht unterschätzen, dass in diesem Begriff von Hausarbeit des Statistischen Bundesamtes auch so was eingeht wie Aufräumen.

Und denken wir auch mal daran, samstags vor dem Getränkegroßmarkt, das ist ja dann meistens eine Männergruppe. Das sind alles Zeiten, die da eingehen, die wir eigentlich bisher nicht gesehen haben, in dieser klassischen, verengenden Auffassung von Hausarbeit.

Heise: Selten wurde ja wie im Moment soviel von Kindern und Geburtenrate geredet, von Familie, Vereinbarkeit von Beruf und so weiter, aber es wird eigentlich immer nur über die Frauen geredet. Ärgert Sie das?

Döge: Es ärgert mich aus zwei Gründen. Es ärgert mich daher, dass trotz Geschlechterpolitik, trotz Veränderung im Geschlechterverhältnis anscheinend sich in den Stereotypen auch in der offiziellen Geschlechterpolitik des Bundesfamilienministeriums nichts verändert hat. Das Vereinbarkeitsproblem ist immer noch ein Frauenproblem. Und dann ärgert mich, dass man in Deutschland vor diesem Hintergrund, vor der Verengung dieser Debatte die vielen aktiven Väter nicht sieht, und die vielen aktiven oder die vielen Initiativen von Väterpolitik. (…)

Da haben wir in Deutschland eine Tradition, die uns momentan auch ein Bein stellt, dass Geschlechterpolitik in Deutschland immer Frauenpolitik war. Und Geschlechterprobleme waren Frauenprobleme. Ich halte öfter Vorträge vor männlichen Führungskräften. Wenn Sie zu männlichen Führungskräften sagen, auch Sie haben ein Geschlecht als Mann, dann schauen die Sie verständnislos an. (…)

Heise: Von was für Zahlen sprechen wir eigentlich?

Döge: Es liegen Studien vor, die zeigen, dass heute 70 Prozent der Väter Erzieher sein wollen und nicht mehr nur Ernährer. Und nur noch 30 Prozent der Ernährer sein wollen. Da hat sich fundamental was verändert, zum Beispiel zur ersten Männerstudie, die Ende der 70er Jahre in Deutschland vorgelegt wurde. Alle Männer definierten sich dort noch als die Herren der Außenwelt. Kindererziehung war Frauensache. Hausaufgabenbetreuung war Frauensache. Und Männerväter definieren sich heute eindeutig auch als Erzieher. Sie wollen präsent sein. Und mit dieser Diskussion, dass das Vereinbarkeitsproblem immer nur ein Frauenproblem ist, fallen diese Männer halt raus. Die haben dann in den Organisationen, in den Unternehmen, in den Behörden und in den Betrieben die Schwierigkeit, weil Sie irgendwie die bunten Hunde sind.

Heise: Fangen wir noch einen Schritt weiter vorne an, denn dieses ganze Problem spitzt sich zu und läuft auf den Punkt raus, bekommen wir ein Kind oder nicht? Sie haben es vorhin auch schon mal gesagt, Väter, wenn sie gefragt werden, wollt ihr Vater werden oder nicht, dann gibt es da Sorgen darüber, nicht mehr zu Potte zu kommen. Ich habe viele Frauen in meiner Bekanntschaft, die mit 20, vielleicht Mitte 20 gesagt hätten, ja ich bekomme ein Kind, aber da gab es nicht den passenden Mann dazu. Die waren einfach noch nicht bereit. Wann ist eigentlich so das Alter, für einen Mann das richtige, ein Kind zu bekommen?

Döge: Das richtige Alter für einen Mann ein Kind zu bekommen, ist scheinbar immer noch dann, wenn er meint, über seinen Beruf eine Familie ernähren zu können. Das ist übrigens auch eine Ansicht, die dann die Partnerinnen teilen. Und drum verschiebt sich auch dieses Zeitfenster in dem ein Paar Eltern wird immer weiter nach hinten und es gibt in Deutschland so ein subjektiv empfundenes Zeitfenster von fünf bis acht Jahren. Das Problem ist, dass wir immer noch so ein Bild haben, dass man erst einmal ein Einkommen haben müsse, und so verschiebt sich das Ganze nach hinten und irgendwann werden wir immer älter und dann geht es nicht mehr. Vielleicht noch mal etwas zu den Partnerinnen: Da gab es ja auch eine interessante Studie vom Forsa-Institut, die rausgefunden hat, dass nicht überwiegend Frauen keinen Partner finden für ihre Kinder, sondern dass der Anteil der Männer, die sagen, dass sie keine passende Partnerin finden höher ist als bei den Frauen. Und das Spannende ist ja, dass man die Befunde dieser Studie in unterschiedliche Richtungen interpretieren kann, dass Männer anscheinend stehen geblieben sind und immer noch so ein Heimchen am Herd wollen und das eben nicht finden, oder dass eben Frauen etwas anderes sagen, als sie dann wirklich wollen und sagen, ich will so einen neuen Mann, aber im Grunde wollen sie doch einen anderen. Das ist offen. (…)

Heise: Aber Sie sagen ja, neue Zahlen beweisen, dass Männer eigentlich da auch versuchen auf ein anderes Gleis zu kommen, aber oft sagen, die Vereinbarkeit sehen Sie eben genauso wenig wie die Frauen das sehen. Was muss sich in der Arbeitswelt denn nun ändern?

Döge: Was Männer in unseren Studien, die wir durchgeführt haben eindeutig als größte Blockade für eine aktive Vaterschaft in Betrieben und Behörden benannt haben, ist die so genannten Anwesenheitskultur. Wir haben immer noch in vielen Betrieben, in vielen Unternehmen, in vielen Verwaltungen insbesondere, eine Vorstellung, dass Leistung sich definiert über physische Präsenz am Arbeitsplatz. Nur der, der da ist, leistet was. Im öffentlichen Dienst kommt dann noch dazu, dass nur der, der da ist, auch loyal ist, dem Dienstherrn gegenüber. Viele Männer haben uns das genannt, wenn Sie dann zum Beispiel um 15 Uhr nach Hause gehen, um mit ihrem Kind etwas zu machen und sich dann vielleicht noch abends über das Computersystem einloggen und dann noch etwas arbeiten – das sieht man ja nicht. Diese Männer sind häufig mit Vorurteilen, dass sie faul seien, dass sie nicht leistungsbereit seien, konfrontiert. Dieser Appell oder diese Vorstellung, dass Männer am Arbeitsplatz sind, dass Leistung durch physische Präsenz definiert wird, wird an Männer noch viel stärker herangetragen als an Frauen. Für Frauen ist es „normal“ nach der Geburt eines Kindes in Elternzeit zu gehen, für Männer ist es in Unternehmen, auch wenn heute immer schon etwas anderes aus dem Mund quillt, schon etwas besonderes. (…)

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