Und wenn er’s doch ist?

28. Mai 2007 § 22 Kommentare

Das Wadi-Blog und Planet Hop machen auf eine Kundgebung vor der chinesischen Botschaft aufmerksam, die sich gegen das chinesische Regime richtet. So weit, so verdienstvoll. Drängte sich nicht angesichts des etwas albern wirkenden Mottos „Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!“ der Eindruck auf, hier ginge es weniger um den Protest gegen eine autoritäre kommunistische Diktatur, als vielmehr um die Reinwaschung des Begriffs Kommunismus.

In der Tat werden zwar im Aufruftext die Verbrechen des chinesischen Regimes beim Namen genannt, nichts wird verharmlost. Doch die Pointe ist, daß all dies als kommunistischer Theorie und Praxis völlig äußerlich beschrieben und stattdessen dem Kapitalismus, in Gestalt des „Staatskapitalismus“, in die Schuhe geschoben wird. Als würde sich dieser nicht notwendig überall dort einstellen, wo Kommunisten zuvor bürgerliche Gesellschaften zerstört haben. Eine moderne Wirtschaft funktioniert eben entweder kapitalistisch oder gar nicht. Wenn Bolschewiki Demokratie, Markt und freiheitliche Verfassungen wegputschen – also den liberalen Kapitalismus -, bleibt als Alternative eben nur der autoritäre Staatskapitalismus.

Die Veranstalter lassen wissen: „Imperialismus, Repression und Staatskapitalismus sind kein Kommunismus! Wir wollen die Idee der allgemeinen Emanzipation nicht länger mit solchen Erscheinungen assoziiert sehen!“ Grund der Kundgebung ist mithin das Gefühl der Peinlichkeit, das sich angesichts ideologischer Nähe einstellt. Wohlfeil wird sich vom schmuddeligen Bruder im Geiste, der sich blutige Hände geholt hat, distanziert, um weiter an der umbefleckten Utopie festhalten zu können. Es geht also darum, in gut deutscher Tradition die Idee gegen die Verschmutzung mit der schnöden Wirklichkeit zu retten. Jene will man nicht mit ihren realpolitischen Konsequenzen assoziiert sehen.

Vermutlich halten sich die Veranstalter für überaus avanciert. Dabei wärmen sie zum x-ten Male ein schon immer schal schmeckendes Gericht auf. Seit annähernd hundert Jahren behaupten Kommunisten im Westen, wenn sie mit den realen Schrecknissen kommunistischer Länder konfrontiert werden, das sei aber gar nicht der Kommunismus, der eigentliche Kommunismus müsse erst noch hergestellt werden. Komischerweise kommt er dann aber doch nie, der wahre, gute, menschenfreundliche Kommunismus, sondern immer nur der mit der Unfreiheit und den Arbeitslagern. Unter dem Label Kommunismus sind bisher ausschließlich Diktaturen entstanden – sich vom Kommunismus noch irgendwas zu versprechen ist nur noch töricht. Die Falun-Gong-Leute, die sich regelmäßig vor der chinesischen Botschaft einfinden und wesentlich effizienteren Protest zu organisieren im Stande sind, werden den Demonstranten hoffentlich was erzählen. Jene kommen im Aufruftext übrigens nicht vor. Sollten sie etwa nicht solidaritätsfähig genug sein – weil zu reaktionär und antikommunistisch?

§ 22 Antworten auf Und wenn er’s doch ist?

  • […] FdoG-Ingo wirft uns vor, “in gut deutscher Tradition die Idee gegen die Verschmutzung mit der schnöden Wirklichkeit […]

  • Diese Markenpiraterie…

  • RH sagt:

    Hinzu kommt noch: Von allen denkbaren Vorwürfen dürfte der, Chinas System sei kein wahrer Kommunismus, den chinesischen Führern am meisten am Allerwertesten vorbei gehen. Schockieren können hätte man sie schon eher mit der Parole: „Nein, nein, das ist kein Kapitalismus, sondern kommunistischer Murks“.

  • classless sagt:

    @RH
    Die Veranstaltungen richteten sich nicht an die chinesische Regierung. Wir sind nicht größenwahnsinnig. Es ging um die linke Öffentlichkeit und die hierzulande verbreiteten Vorstellungen über China, daß es z.B. „kommunistischer Murks“ (du) oder „Kommunismus mit Heuschrecken“ (Spiegel) oder eine „progressive Regierung“ (Jürgen Elsässer) sei.

  • Gideon Böss sagt:

    Kommunistische Regime unterscheiden sich einzig in der Höhe der von ihnen angehäuften Leichenberge. Wieviele Millionen Menschenleben darf der wahre Kommunismus in den Augen seiner Verehrer eigentlich noch auslöschen, ehe man soweit ist, darüber nachzudenken, ob die „gute Idee“ vielleicht gar nicht so gut ist?

  • Ingo Way sagt:

    @classless:

    Die Veranstaltungen richteten sich nicht an die chinesische Regierung.

    Eben. Es geht um linksradikale Selbstbespiegelung. Nichts anderes.

  • Ingo Way sagt:

    Blogger Nichtidentisches schrieb zu diesem Beitrag bei WMD:

    Das gleiche exerziert ja Bini Adamczeck in dem infantilen „Kommunismus – kleine Geschichte wie endlich alles anders wird.“

    Dass sich allerspätestens seit Auschwitz kein Kommunist der Welt mehr erlauben darf, ein Experiment zu propagieren, dessen Ausgang ungewiss ist, bleiben derartige Versuche infantil und verkitschen.

  • […] ist, darüber nachzudenken, ob die “gute Idee” vielleicht gar nicht so gut ist? Das meint Gideon Böss (dort 13:52:04 Uhr von heute; kann man leider nicht verlinken), auch ein “Freund der offenen […]

  • classless sagt:

    Oh ja, keine Experimente! Es ist ja alles toll, so wie es ist. Die gegenwärtige Weltgesellschaft ist so durchdacht und stimmig organisiert, daß daran lieber keine Veränderungen vorgenommen werden dürfen. Meine Fresse.

  • Ingo Way sagt:

    @classless:

    Welches Experiment möchtest Du denn genau machen, wie soll es durchgeführt werden, und wie überzeugst Du diejeinigen, die nicht mitexperimentieren wollen? Bei Experimenten dieser Reichweite – immerhin soll die gesamte „Weltgesellschaft“ umgestaltet werden – wohl keine überflüssigen Fragen.

  • Freund der geschlossenen Gesellschaft sagt:

    und wie überzeugst Du diejeinigen, die nicht mitexperimentieren wollen?

    Mit den gekaperten F16, Tornados, M16, Merkavas und waffenfähigem Plutonium, sowie Gefängnissen u.ä. Strafanstalten, so wie Demokraten das jetzt eben auch betreiben. Darin unterscheiden die beiden politischen Kontrahenten sich nun wirklich nicht.

  • Ingo Way sagt:

    Komisch, hab ich mir irgendwie gedacht, daß so eine Antwort kommt. Sehr überzeugend, sehr vertrauenerweckend.

  • Freund der geschlossenen Gesellschaft sagt:

    Heuchel doch nicht herum! Was Classless als Experiment will, ist längst gesagt, auch beim WADIBlog. Du willst doch mit der Frage den Kritiker von Marktwirtschaft und Demokratie wieder blamieren, weil doch schon antizipiert ist, dass Kommunisten ihre Kritiker in Gulags und Lager usw stecken.

    Deiner Logik nach müsstest Du jetzt vom Glauben an Marktwirtschaft und Demokratie abfallen, wenn Du F16, Tornados, M16, Merkavas und waffenfähigem Plutonium, sowie Gefängnissen u.ä. Strafanstalten als nicht „überzeugend“ und „vertrauenserweckend“ ansiehst. Wetten, dass Du das nicht tust. Dein Argument kenn ich auch schon: Die von derartigen Gewaltmitteln Getroffenen oder Bedrohten haben es als Feinde der Demokratie eben verdient, nicht wahr?😀

  • Ingo Way sagt:

    Du willst doch mit der Frage den Kritiker von Marktwirtschaft und Demokratie wieder blamieren

    Wenn die schlichte Frage nach den politischen Zielen für den Gefragten schon blamabel ist …

  • Freund der geschlossenen Gesellschaft sagt:

    Was Classless als Experiment will, ist längst gesagt, auch beim WADIBlog.

    Das ist ein Zitat von mir und ich kann es nur wiederholen. Was Classless will, steht bei ihm und WADI. Der brauch ja nun nicht alles doppelt zu erzählen. Und du hast das doch gelesen. Von daher scheint die Frage doch der Blamage zu dienen und nicht der Klärung.

  • classless sagt:

    Ich habe im Zusammenhang mit der FdoG-Veranstaltung zur Kritischen Theorie schon geschrieben, daß ich es abwegig finde, in Ideologie- und Wertkritik ein Massenmordprogramm zu verorten. Wer soll denn dann ins Lager wandern? Käpt’n Iglu und Ronald McDonald?

    Ich bin dafür, eine andere Vergesellschaftung zu verhandeln, die gleichen Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum ermöglicht. Sofern das außer mir niemand gut findet, kann ich sie wohl nicht zwingen und habe ich immer wieder lautstark gegen jeglichen Versuch Zwangsdurchsetzung dieser anderen Vergesellschaftung ausgesprochen. Umgekehrt würde ich behaupten, daß die von euch verteidigte liberale Ordnung zu ihrer Durchsetzung recht viele Opfer gefordert hat und zu ihrer Aufrechterhaltung der Gewalt bedarf, worüber ihr nicht redet.

  • Ingo Way sagt:

    Tja, das unterscheidet uns, lieber Classless. Ich halte „Wertkritik“ für keineswegs so niedlich und harmlos. Und „gesellschaftlicher Reichtum“ ist auch kein Kuchen, der nur möglichst gerecht verteilt werden muß. Bei „gleichem Zugang zu gesellschaftlichem Reichtum“ (wer reguliert den dann eigentlich, diesen Zugang?) gibt es schon sehr bald gar keinen Reichtum mehr, weil es keine Leistungsanreize mehr gibt, welchen zu produzieren. Ich kriege doch eh das gleiche wie alle anderen. Wozu mich anstrengen? Ich einem Kloster oder einer Hippie-Kommune, wo alle sich kennen und (wenn’s günstig läuft) mögen und starke soziale Kontrolle herrscht, mag dieses Prinzip funktionieren, nicht aber in einer modernen arbeitsteiligen Industriegesellschaft.

  • classless sagt:

    Ich finde es weiterhin erschreckend, wie locker dir solche Dekrete über die gesamte Wirklichkeit aus der Feder fließen.

    Der gleiche Zugang wird jetzt den meisten Menschen verwehrt, aber das macht ja Manfred Markt mit seiner unsichtbaren Hand, das ist ja kein Zwang, da ist ja jeder selber schuld dran.

  • Ingo Way sagt:

    In einer liberalen Demokratie hat tatsächlich jeder Zugang, wenn auch nicht unbedingt den gleichen. Warum auch, es leistet ja auch nicht jeder das gleiche. Und wenn der Zugang zu Wohlstand den meisten Menschen verwehrt ist, woran liegt das dann wohl? Am Markt? Oder nicht doch eher an fehlender Demokratie, feudalen Strukturen oder schlicht und einfach: hinterherhinkender technischer und gesellschaftlicher Entwicklung? Nichts, was sich in einer Marktgesellschaft nicht verbessern ließe. (Daß sehr vieles verbesserungsbedürftig ist, wurde von mir – entgegen dem Pappkameraden, den Du und Deine Kollegen aufstellen – übrigens nie bestritten.) Übrigens hat sich in den vergangenen Jahren unter marktwirtschaftlichen Bedingungen weltweit vieles verbessert, bezüglich Lebensstandard, Lebenserwartung usw. Oder willst Du das einfach abstreiten und das Gegenteil behaupten? Du willst den Markt also abschaffen? Was kommt denn dann stattdessen? Und mit welchen Mitteln? Fragen über Fragen, nie eine Antwort.

  • classless sagt:

    „Nichts, was sich in einer Marktgesellschaft nicht verbessern ließe.“

    Das ist jetzt nur noch Theologie. Wir befinden uns also in der welthistorischen Phase des Übergangs von der Feudalgesellschaft zur Marktgesellschaft, deshalb müssen wir nur an der eingeschlagenen Entwicklung festhalten und alles wird irgendwann gut. Hört sich das vertraut an?

  • Ingo Way sagt:

    Nö, aber das hat mit historischen Erfahrungen und den Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zu tun. Die muß man natürlich zur Kenntnis nehmen. Beides spricht allerdings klar für Demokratie und Marktwirtschaft und gegen Kommunismus. Aber weißte, wenn Dir der gegenwärtige Weltmarkt nicht sozial genug ist, dann verbürgerliche Dich doch, wie’s radikalen Bewegungen nicht zu deren Schaden gut ansteht, und werde Sozialdemokrat, meinetwegen auch linker Sozialdemokrat. (Das würde natürlich voraussetzen, daß es Dir um mehr als die radikale Pose geht.) Dann können wir vernünftig diskutieren, unter anderem auch über (sozial-)staatliche Eingriffe ins Wirtschaftsleben zugunsten der momentan Schwächeren. Anders, als Du mich hier offenbar hinzustellen versuchst, bin ich nämlich kein libertärer Dogmatiker. Aber Kommunismus, sorry, das ist mir echt zu blöd. Deswegen ist die Diskussion für mich hier beendet. Mit demokratischen Linken diskutiere ich gerne weiter.

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