Ein Bürger hat einen Namen

31. Mai 2007 § 9 Kommentare

Wolf Lotter, Redakteur von brand eins, über Anonymität im Internet:

Nicht sinistre Geheimdienste und die Produkte anderer Hirngespinste bedrohen die Freiheit im Internet, sondern jene, denen es schlicht an Anstand und Mut fehlt, zu dem, was sie zu sagen haben, auch zu stehen.

Blogs und Foren sind mittlerweile der Tummelplatz anonymer Heckenschützen. …

Nun behaupten jene, die die Anonymität im Netz verteidigen, ihre freie Rede wäre gefährdet, wenn sie sich mit ihrem Namen dazu bekennen würden. Sie würden Nachteile erleiden müssen. Wer so argumentiert, spielt dem wachsenden Kontrollbedürfnis – etwa des Staates – erst recht in die Hände. … Anonymität führt zum Generalverdacht und, schlimmer noch, zur Bedeutungslosigkeit. Ein Netz, dessen Bewohner weder Name noch Adresse haben, hat auch keine Stimme, wenigstens keine ernstzunehmende, …

Ist es eine Ehre, sich in einem freiheitlich demokratischen System verstecken zu wollen? Braucht es vielleicht Mut dazu? Ist es ehrenwert? Oder doch nur Feigheit? …

Pseudonyme mögen in Diktaturen nötig sein. Wer sie in Demokratien verwendet, schadet der offenen Gesellschaft. Die Freiheit der Rede, zu der Redlichkeit, Anstand und Fairness gehören, leidet darunter. Die Freiheit des Wortes hat nur dann Gewicht in einer Demokratie, wenn sie von real existierenden Bürgern wahrgenommen wird. … Ein Bürger hat einen Namen. Dieses Herkunftszertifikat garantiert echte Haltung. …

Wo demokratische Grundhaltungen fehlen, herrscht bald Bunkermentalität. … Anonymität fördert die Feigheit und stützt alle jene, die gegen eine offene Gesellschaft sind. Eine offene Gesellschaft erträgt unterschiedliche Meinungen und Positionen. Feigheit aber ist die Vorhut der Tyrannen, sie ist ihre stärkste Legion.

Die offene Rede ist ein Bürgerrecht, im Internet und anderswo. Aber beides taugt nichts, wenn Anonymisierung und Pseudonym den Gehalt der offenen Rede entwerten. Wer ohne Name schreibt und spricht, ist nicht fasslich für berechtigte Kritik und für Gegenrede. Wie soll unter diesen Bedingungen Wissen geteilt werden? Wie soll sich Wissen verbreiten, wenn es unter der Narrenkappe der anonymen Gleichgültigkeit auftaucht?

§ 9 Antworten auf Ein Bürger hat einen Namen

  • Die Hauptschussrichtung mag stimmen, aber was ist mit Rayson, Boche, Statler, Waldorf, Liza, Euckens Erbe…

  • peetgp sagt:

    Das Schlüsselwort im Text scheint mir „fasslich“ zu sein🙂

  • RH sagt:

    Nebenbei bemerkt: Dieser herausragende Artikel ist bereits vor Wochen original – und in ansprechnderer Aufmachung – auf der neuen Meinungs- und Diskussionsseite WELT DEBATTE erschienen:

    http://debatte.welt.de/kommentare/20694/das+internet+ist+ein+tummelplatz+fuer+heckenschuetzen?highlight=Heckensch%C3%BCtzen+Internet

    Wäre doch gar nicht so uninteressant, ab und zu mal bei WELT DEBATTE vorbeizuschauen, oder, Herr Way? Startseite: http://debatte.welt.de/

  • bigmouth sagt:

    genau, ich poste für jeden zukünftigen chef ergooglebar meine meinung in die welt, oder schreibe was in meiner firma schief läuft. das verkennt doch vollkommen den unterschied zum nichtvirtuellen alltag: nicht jeder weiss, was ich beim bier so erzähle, und das ist auch gut so, wenn mir das große nachteile für mein leben bereiten wird

    für jemanden, der beruflich schreibt, ist das was anderes. aber das beispiel alan posener vs. diekmann zeigt ja, dass es selbst in diesem berufsstand dicke grenzen gibt

  • Ingo Way sagt:

    Meine Güte, immer diese Angst vor dem Chef. Kann es sein, daß das etwas sehr Deutsches ist? In den meisten Fällen dürfte dem Deine politische Meinung herzlich am Arsch vorbeigehen, sofern sie keine Aufrufe zur Gewalt, zum bewaffneten Umsturz o. dgl. beinhaltet.

  • bigmouth sagt:

    wenn ne jobabteilung bei der einstellung den eindruck hat, dass da jemand ein querulant ist – das soll die nicht interessieren? mensch, is das naiv. es is doch zb auch so, dass es immer größere warnungen gibt, im studivz nich zu viel persönliches zu hinterlassen – weil unternehmen da halt auch nachforschen. der zugriff auf persönliche ansichten usw. per internet ist ein riesiges problem – und ein sehr gutes argument für datenschutz

  • Das Problem liegt IMHO weniger in den Head Hunters der Personalabteilungen (dass sich Arschlöcher wie Arschlöcher verhalten, ist eine der wenigen verlässlichen Konstanten auf dieser schönen Erde), als im mangelnden Bewusstsein der User für ihre Datenspuren.

  • Ingo Way sagt:

    @bigmouth:

    Nun, wenn Sie sich selber für einen Querulanten halten … :-))

    Ich bin vielleicht naiv, halte es aber auch für ein Vorurteil, daß sich Personalchefs nur für stromlinienförmige Anpasser interessieren, die ihre Ansichten nicht vertreten können.

  • Euckens Erbe sagt:

    Lotter hat – ausnahmsweise – nicht recht. Wer sein Geld mit seiner Meinung verdient, hat gut reden. Aber er verkennt, dass viele anderen diese Chance nicht ergriffen haben. Oder nicht ergreifen können, weil sie vielleicht – wie ich – eine richtige Meinung aber vielleicht keine ausreichende Begabung zu bieten haben.

    Wer aber seinen Lebensunterhalt andernorts verdient, oder einen „Lebensabschnittsgefährten“, der oder die seine oder ihre Karriere durch das Bloggertum gefährdet sieht, der würde bei offenen Visier – wie ich – einfach schweigen.

    Wer allerdings unter Pseudonym bloggt, sollte die Anonymität nicht als Vorwand nutzen, sich unflätig zu verhalten. Ich pflege meins als Erbe. Und finde mich gerne in der von Daniel zitierten Gesellschaft.

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