“In Amerika ist das anders”

7. Juni 2007 § 2 Kommentare

Heute erscheint in der Jüdischen Allgemeinen die Kurzfassung eines Interviews, das ich mit dem Physiker Steven Weinberg geführt habe. Weinberg hat beschlossen, als Reaktion auf antiisraelische Boykottaufrufe britischer Akademiker, Großbritannien vorerst nicht zu besuchen. Inzwischen hat Weinberg auch eine Petition unterschrieben, die sich gegen solche Boykottaufrufe richtet.

Hier die ungekürzte Fassung des Interview:

Herr Professor Weinberg, Sie haben im Mai eine Einladung des Imperial College in London ausgeschlagen, dort einen Vortrag zu Ehren Ihres Kollegen Abdus Salam zu halten, mit dem gemeinsam Sie 1979 den Nobelpreis für Physik bekommen haben. Warum?

Steven Weinberg: Schon seit einiger Zeit fällt mir die antiisraelische, antisemitische Stimmung in Großbritannien auf, besonders in intellektuellen Kreisen. Aufgrund eigener Erfahrungen hatte ich bereits Bedenken, dorthin zu fahren. Doch dann erfuhr ich von einem Boykottaufruf gegen Israel von Seiten der National Union of Journalists. Das fand ich besonders schlimm, denn Journalisten sollten eigentlich unparteiisch sein. Wenn Journalisten ein einzelnes Land herauspicken, um es zu boykottieren, ist das schon schlimm genug. Wenn es dann auch noch ein Land ist, dessen Existenz seit seiner Gründung bedroht ist, das außerdem eine Demokratie ist, in dem jeder Bürger gleich welcher Religion Rechte genießt, und das nur versucht zu überleben, ist das eine derartige Ungerechtigkeit, eine solche moralische Blindheit, daß ich das Gefühl hatte, ich müßte etwas tun. Ursprünglich wollte ich das gar nicht öffentlich machen. Ich habe einfach nur Professor Michael Duff, der mich eingeladen hatte, geschrieben, daß ich nicht kommen würde. Er hat mich dann gefragt, ob er meinen Brief anderen zeigen dürfe. Da hatte ich nichts gegen. Und wenn er es täte, könnte ich es auch tun. Also schickte ich den Brief an das Times Higher Education Supplement, das vor einem Jahr bereits einen Artikel von mir gedruckt hatte, in dem ich entsprechende Boykottforderungen angegriffen hatte. Sie haben ihn veröffentlicht, und zu meiner Überraschung haben große Tageszeitungen das Thema aufgegriffen, der Guardian, Haaretz, die New York Times. Daraufhin bekam ich hunderte E-Mails und Anrufe.

Damals konnten Sie noch nicht wissen, daß eine Woche später auch die University and College Union (UCU) für einen Israel-Boykott stimmen würde. Fühlen Sie sich durch diese Entwicklung bestätigt?

Weinberg: Natürlich. Auch in der größten britischen Gewerkschaft Unison wird über einen Israel-Boykott nachgedacht. All das bestätigt mich darin, daß meine Entscheidung richtig war. Ich bedaure das sehr. Ich rufe niemanden auf, England zu boykottieren. Das ist eine rein persönliche Entscheidung. Es wäre auch anmaßend, andere zum Boykott aufzurufen. Ich hoffe lediglich, daß meine Aktion einige Leute in England wachrütteln wird, die durch die einseitige Berichterstattung irregeführt werden. Boykotte halte ich generell für nicht sinnvoll. Es ging mir auch gar nicht um die Boykottforderung, sondern um die grundsätzlich feindliche Haltung gegenüber Israel. Ich habe großen Respekt für Israel und was es alles erreicht hat. Man darf Israel doch nicht vorwerfen, daß es sich selbst verteidigt. Die vorherrschende Haltung gegenüber Israel ist vollkommen unfair. Kein Land der Welt könnte sich verteidigen, ohne gelegentlich auch Unschuldigen Schaden zuzufügen. Jedes Land, das sich im Krieg befindet, ist damit konfrontiert, daß Unschuldige verletzt oder getötet werden. Israel versucht schließlich nicht, fremde Regierungen zu stürzen oder den Islam zu vernichten. Die islamische Welt versucht dagegen sehr wohl, den einzigen jüdischen Staat der Welt auszulöschen, der sich auf einem winzigen Zipfel des früheren Osmanischen Reichs befindet. Die Haltung dieser britischen Gewerkschaften dazu ist furchtbar ungerecht, und dazu mußte ich mich irgendwie verhalten.

Halten Sie diese Ereignisse für symptomatisch für eine antiisraelische Stimmung in ganz Europa?

Weinberg: Sie ist nicht nur antiisraelisch sondern antisemitisch. Ja, das sehe ich so. Mein Augenmerk gilt besonders Großbritannien, weil ich englisch spreche und starke Verbindungen zu England habe. Ich bin sehr oft dort gewesen, daher interessiert mich das, was in England passiert, mehr als andere Länder. Und sei es nur deshalb, weil ich die dortigen Zeitungen lesen kann und die Sprecher auf BBC verstehe. Aber soweit ich weiß, ist es in anderen europäischen Ländern nicht besser. Vor zwei Wochen war ich in Padua, dort wurde die alte Synagoge von Polizisten geschützt. Ich fragte meinen italienischen Gastgeber, was das soll, und er sagte, das sei nötig als Schutz gegen Vandalismus. Das wusste ich vorher nicht. Ist das in Deutschland auch so?

Ja, sicher.

Weinberg: In Amerika ist das anders. Zwar gibt es auch hier Antisemitismus, wie überall. Aber auf sehr viel niedrigerem Level. Ich lebe ja in Texas und habe hier überhaupt keine Probleme.

Aber gibt es nicht gerade im amerikanischen Universitätsbetrieb eine starke antiisraelische Ausrichtung?

Weinberg: Ja, in der akademischen Welt schon. Und leider viel mehr auf der Linken als auf der Rechten. Das betrübt mich sehr, denn in anderen Punkten sympathisiere ich eher mit der Linken. Mit denjenigen, die normalerweise meine politischen Verbündeten wären, kann ich über dieses Thema nicht reden. Ich verstehe nicht, warum die Linke dies zu einem Hauptthema ihrer Politik macht. Teilweise ist das sicher eine gedankenlose „postkoloniale“ Identifikation mit Dritte-Welt-Bevölkerungen, eine gut gemeinte Dummheit. Zum Teil ist es aber auch offener Antisemitismus, zum Teil auch Angst vor der arabischen Welt. Da möchte man nicht auf der falschen Seite stehen. In Europa mehr als in Amerika gibt es große muslimische Bevölkerungsanteile, und da kann man sehen, was mit Leuten wie Theo van Gogh passiert. Mit derart gefährlichen Leuten möchte man es sich lieber nicht verscherzen. In Amerika wachsen die muslimischen Gemeinden auch an. Gerade haben Muslime aus der Karibik, aus Trinidad und Guyana versucht, den JFK-Flughafen in die Luft zu jagen. Wir haben das Problem also hier auch, aber es scheint hier noch nicht so schlimm zu sein wie in Europa.

In Köln wird der Schriftsteller und Holocaustüberlebende Ralph Giordano gerade bedroht, weil er sich gegen den Bau einer Großmoschee in Köln ausgesprochen hat.

Weinberg:
Droh-E-Mails habe ich noch nicht bekommen, wütende E-Mails schon, aber keine Drohungen. Das ist vielleicht der Unterschied zwischen Amerika und Europa.

Werden Sie denn irgendwann wieder nach Großbritannien reisen?

Weinberg: Sicher. Ich glaube, die Situation wird sich ändern. Ich denke, der intelligentere Teil der englischen Gesellschaft wird sich bestimmt durchsetzen, so daß ich bald wieder nach England reisen kann.

Das hoffen Sie zumindest.

Weinberg: Ich weiß es natürlich nicht, aber ich bin zuversichtlich.

§ 2 Antworten auf “In Amerika ist das anders”

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