Gremliza gratuliert Guevara (und Mao gleich dazu)

10. Oktober 2007 § 4 Kommentare

Hahaha, was ist der brillante Essayist Hermann L. Gremliza wieder lustig.

Bei den Dänen heißen die Leinenschlappen, die sie in ihren Supermärkten anbieten, „Mao sko“, Mao-Schuhe. „Hitler skjorte“, Braunhemden, wären kein Geschäft. Der Däne ist klüger, als die Totalitarismuspolizei erlaubt.

Köstlich. Doch es wird noch viel witziger.

Bei den Deutschen, die zivilisatorisch eine Stufe tiefer leben, gilt Mao, seit seine Jünger zu seinen Scharfrichtern konvertiert sind , als einer der größten Verbrecher der Weltgeschichte …

… was HLG für eine Fehleinschätzung hält …

… Hitler mindestens gleich, und mit ihm jeder, der an dem 1917 geborenen und 1989 verlorenen Gefecht, dem vorerst letzten, irgend teilhatte: Lenin, Stalin, Thälmann, Ulbricht, Honecker, Castro, Ho chi Minh, Meinhof.

Was will HLG uns sagen? Das seien alles nette Jungs und Mädels gewesen, die nur das Wohl der Menschen im Sinn gehabt hätten? HLG moniert, daß die zu Scharfrichtern Konvertierten sie so beschreiben:

Sie alle waren nichts als gemeine Menschenschinder, Revolution, Kommunismus bloß Vorwände fürs Ausleben ihrer defekten Charaktere.

Da gebe ich HLG recht, sie glaubten tatsächlich an Revolution und Kommunismus als Vorwände der Menschenschinderei, was allerdings in HLGs Augen diese, die Menschenschinderei, zu einer verzeihlichen, wenn nicht notwendigen, macht.

Warum erzählt uns HLG das? Was treibt ihn zu seinem so peinlichen wie überflüssigen Bekenntnis zu Mao und Stalin? Es ist, wie so oft, der alte Menschheitsfeind Springer-Verlag. In dessen WELT schrieb Michael Miersch vor drei Jahren über den Stalinisten Ernesto Che Guevara und fragte, warum dieser Massenmörder noch heute als Pop-Ikone gilt.

Das fuchst den Kommunisten Gremliza, denn ein Kommunist ist nie und nimmer ein Massenmörder, und wenn doch, dann darf der das, weil die Burschuwasie ihm keine andere Wahl läßt.

Aus einer Sache ist für HLG nur leider schwer rauszukommen: Miersch läßt den Umstand nicht unerwähnt, daß Guevara nach der kubanischen Revolution Homosexuelle in Internierungslager verbringen ließ. Da fällt die Apologie nicht so leicht, denn Homophobie läßt sich nun wirklich nicht mehr an den linksradikalen Abonnenten bringen. Doch selbst da, wo HLG Verbrechen von Kommunisten zähneknirschend tatsächlich als solche zu bezeichnen sich genötigt sieht, findet er noch den Dreh, weshalb gar nicht diese selbst daran schuld sind, sondern irgendwelche bürgerlichen Ideologien, die sich – offenbar gegen den Willen der Revolutionäre – durch diese hindurchsetzen.

Es bleibt eine Schande, wie die kubanischen Revolutionäre den Homosexuellen begegnet sind, auch wenn der Quell ihres Hasses nicht das Kommunistische Manifest war, sondern die katholische Kirche, und nicht unerwähnt bleiben soll, daß ein Starautor des Springer-Verlags

denn dessen Verbrechen wiegen schließlich hundertmal schwerer als die sämtlicher kommunistischer Regimes zusammengenommen,

in seinen wöchentlichen Kolumnen die Verkommenheit einer Gesellschaft daran erkennt, daß sie es Schwulen erlaubt, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Man muß nicht alle Springer-Zeitungen gleich gut finden und nicht Fan aller darin schreibenden Autoren sein, um den Unterschied zwischen unsympathischen homophoben Ansichten und Internierungslagern zu erkennen. Wohl aber muß man dafür HLG heißen.

Warum fühlt sich HLG aber überhaupt genötigt, Mörder zu lobpreisen? Dieses: Der kubanische Diktator Batista war auch ein Mörder und Diktator (was niemand bestritten, geschweige denn gerechtfertigt hätte), und was rechte Diktatoren laut HLG nicht dürfen, dürfen linke dafür umso mehr.

Nehmen wir die von der WELT für möglich gehaltene geringere Zahl (von Opfern der kubanischen Revolution, I.W.) als die richtige an,

klar, welche auch sonst?

Wo wäre das Problem?

Es könnten, eine schreckliche Vorstellung, immer wieder, wie bei jeder Revolution und in jedem Krieg, auch ein paar Unschuldige unter den 200 Toten gewesen sein.

Ach komm, Gremliza, so schrecklich findest Du die Vorstellung doch gar nicht, denn wo gäbe es schließlich Unschuldige auf seiten der Konterrevolution? Und die meisten waren ja eh schuldig, unschuldig höchstens „ein paar“. Die höhere der von der WELT für möglich gehaltene Zahl ist übrigens 700, und die bezieht sich keineswegs auf sämtliche Opfer der kubanischen Revolution, sondern lediglich auf die, wie Miersch schreibt, von Guevara befehligten

Erschießungskommandos in der Festung Cabana, die nach dem Einmarsch von Castros Truppen in Havanna zwischen 200 und 700 Gefangene hinrichten. Die Opfer sind größtenteils Anhänger des geflohenen Diktators Batista.

Hab ich doch gesagt!, feixt HLG. Doch dieses verschweigt er:

Wenig später treffen die Repressionsmaßnahmen auch oppositionelle Linke und andere Gegner des neuen Regimes.

Die Gesamtzahl der Opfer des kubanischen Kommunismus liegt natürlich weit höher.  Laut dem Schwarzbuch des Kommunismus wurden allein in den sechziger Jahren 7.000 bis 10.000 Menschen hingerichtet, darunter viele Batista-Gegner, die zusammen mit Castro gegen die Diktatur gekämpft hatten und keine neue einrichten wollten. 30.000 politische Häftlinge werden für die sechziger Jahre gezählt, im Jahr 1978 waren es noch 15.000 bis 20.000, in den neunziger Jahren dann laut amnesty international „nur noch“ 980 bis 2.500.  Für das Jahr 1961 schreibt das Schwarzbuch: „Fast 50.000 Personen aus den Mittelschichten, die die Revolution unterstützt hatten, gehen ins Exil.“ Ehemalige Kampfgefährten Castros, die eine Demokratie errichten wollten, gehen in den Untergrund, werden aufgerieben und zum größten Teil erschossen. 20 Prozent aller Kubaner leben heute im Ausland. Von den Arbeits- und Internierungslagern, der andauernden Folter gar nicht zu reden.

Kein historischer Revisionismus kommt ohne Aufrechnen und Relativieren aus. Auch der von HLG nicht.

Batista war der typische Statthalter der Ersten Welt in einem Land der Dritten, wie Papa Doc, Trujillo, Pinochet, Somoza, Marcos, Mobutu, Diem, Suharto und so weiter. Einige Zahlen der von solch „westlich orientierten“ Regimes Ermordeten: Guatemala 140.000, Südafrika 120.000, Indonesien 900.000, Chile 3.000, Osttimor 200.000.

Auch wenn HLG hier, anders als im Falle Kubas, stets die höchsten für möglich gehaltenen Zahlen zugrunde legt, auch wenn er noch so sehr aufrechnet, auch wenn er noch sämtliche Verkehrstoten der westlichen Welt als Opfer des kapitalistischen Geschwindigkeitswahns hinzuaddieren würde, er käme doch nicht auf den Bodycount des von ihm so geschätzten Mao Zedong und könnte den Umstand nicht eskamotieren, daß der Verbrecher Castro den Verbrecher Pinochet locker in die Tasche steckt.
Nicht nur, daß die Taten jener zutiefst unsympathischen Drittwelt-Diktatoren, die zunächst einmal Produkte ihrer eigenen Länder, ihrer eigenen Gesellschaften waren – wie sehr sie auch immer, zu dessen Schande, vom Westen unterstützt worden sind, der in ihnen, und oft mit Grund, das kleinere Übel gegenüber einem totalitären Kommunismus gesehen hat – und nicht einfach bloß Marionetten westlich-kapitalistischer (als hätte die „Dritte Welt“ beim Kapitalismus nur zu verlieren) Interessen – nein, Gremliza geht noch weiter. Wie das bei jedem Revisonismus so ist: Er kann nicht Halt machen vor den Opfern des Nationalsozialismus. Auch der Revisionismus von HLG kann das nicht.

Und wären zur Summe der Menschen, die gefoltert, erwürgt, erstochen, totgeschlagen, erschossen, vergiftet oder verbrannt werden mußten, bis das Kapital seine Troubadoure den Sieg der Freiheit besingen lassen konnte, … nicht auch die zwanzig Millionen Sowjetbürger zu rechnen, deren Ermordung durch die Deutschen die Klassenbrüder im Westen … mit erlesener Geduld zugesehen haben?

Eigentlich nicht, nein, könnte man da nur entgegnen, so undialektisch das auch sein mag. Die westlichen Länder sollen ein Interesse an der Ausmordung der russischen Bevölkerung durch die Deutschen gehabt, dieser gar mit klammheimlicher Freude zugesehen haben? Ja, geht’s noch gut? Es ist die alte Dimitroff-Doktrin: Der Nationalsozialismus war ein Projekt des Kapitalismus, und die liberalen Demokratien des Westens, und nicht etwa deren radikale Negation, waren an Auschwitz schuld. Die Opfer des Kommunismus und des Nationalsozialismus gleichzeitig zu verhöhnen – ein solches Kunststück schafft wohl nur Gremliza.

§ 4 Antworten auf Gremliza gratuliert Guevara (und Mao gleich dazu)

  • […] Wissarionowitsch Guevara Was Gremliza nicht wissen will, schreiben Richard Herzinger und Alan Posener. Veröffentlicht […]

  • Albert sagt:

    So weit so gut.
    Aber für die zum Denken unfähigen:
    Batista hat(wie Gremliza geschrieben und du wegfallen gelassen hast)20.000 Menschen getötet. Wenn es eine Revolution gibt, gibt es erst mal Chaos, also braucht es Stabilität, und wir wissen mit /Hitler/Stalin/Castro/Osama/Bush/Achse des Guten/Carl Schmitt/Jahwe/Allah,
    daß da nix über einen gemeinsamen Feind geht, organisierte Rache etc., um die Menge zu Stabilisieren.
    700 Menschen ist da nicht sooo viel.
    (kleines Beispiel für politisches Denken)

  • Knarffan sagt:

    Ihr seid immer nur dagegegen, macht doch mal bessere Vorschläge, zumal wir noch immer kein Paradies auf erden haben.

  • Ingo Way sagt:

    @Knarffan:

    Danke für Ihren intelligenten Beitrag.

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