„Sie würden uns in unseren Betten ermorden“

18. Oktober 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

„Im Grunde habe ich gar nichts gegen Menschen. Einige meiner besten Freunde sind welche“, sagte ich neulich zu meinem Freund Mitch Cohen, als wir beim Bier die Eitelkeit und Niedertracht unserer Gattungsgenossen beklagten. „Da fällt mir ein Gedicht von Kenneth Rexroth ein, das ich vor ein paar Jahren ins Deutsche übersetzt habe“, sagte Mitch. „Morgen schicke ich es dir.“

Discrimination

I don’t mind the human race.
I’ve got pretty used to them
In these past twenty-five years.
I don’t mind if they sit next
To me on streetcars, or eat
In the same restaurants, if
It’s not at the same table.
However, I don’t approve
Of a woman I respect
Dancing with one of them. I’ve
tried asking them to my home
Without success. I shouldn’t
Care to see my own sister
Marry one. Even if she
Loved him, think of the children.
Their art is interesting,
But certainly barbarous.
I’m sure, if given the chance,
They’d kill us all in our beds.
And you must admit, they smell.

Und hier Mitchs Übersetzung:


Diskriminierung

Ich habe nichts gegen die menschliche Rasse.
Ich habe mich einigermaßen an sie gewöhnt

In den letzten fünfundzwanzig Jahren.

Ich habe nichts dagegen, wenn sie neben mir

In der Straßenbahn sitzen oder wenn sie in

Demselben Restaurant essen, solange sie

Nicht am gleichen Tisch sind.

Trotzdem kann ich es nicht gutheißen,

Wenn eine Frau, die ich respektiere,

Mit einem von ihnen tanzt. Ich habe

versucht, sie zu mir nach Hause einzuladen:

Ohne Erfolg. Ich sähe es

Nicht gern, sollte meine eigene Schwester

Einen heiraten. Auch wenn sie

Ihn liebte – denk an die Kinder!

Ihre Kunst ist interessant,

Aber im Grunde barbarisch.

Ich bin sicher, wenn sie Gelegenheit hätten,

Würden sie uns alle in unseren Betten ermorden.
Und du mußt zugeben, sie stinken.

In der literarischen Zeitschrift Sirene erschien 1997 eine Auswahl der Gedichte Rexroths. Mitch schrieb dazu eine biographische Einleitung:

Zu Kenneth Rexroth (1905 – 1982)

Kenneth Rexroth war ein Rennaissancemann: Dichter, Maler, Sozial-, Literatur- und Kunstkritiker, Bergsteiger. Er arbeitete als Zeitungsreporter, Koch, Pferdezureiter, Förster, Möbelrestaurator und Lehrbeauftragter an der University of California. Er kannte die Einöde und alle Schichten der Gesellschaft, vom Knast und Slum zur glitzernden Pracht. Er erlebte die Speakeasies und Bohème Tea Shops im Chicago der Zwanziger; mit seinen Soireés stand er für die Beat-Bewegung in San Francisco der Fünfziger Pate und prägte entschieden auch weitere Generationen von Dichtern, vor allem in Kalifornien. Autodidakt, Universalgelehrter und Bon Vivant, sondierte er fast jede künstlerische, naturwissenschaftliche, soziale, ideologische und religiöse Bewegung oder Schule – nicht nur seiner eigenen Zeit und seines eigenen Kulturkreises. Politisch war er ein Linker, den nicht mal die Weltwirtschaftskrise zu totalitären Impulsen verleiten konnte. Wegbereiter der Counter-Culture, hat er den Sinn alter Traditionen begriffen und zugänglich gemacht. Alles andere als fromm, suchte er das innere Licht der Mystiker und der Zeremonien nahezu jeder Religion.

Seine Laster waren eine im Zaum gehaltene Eitelkeit und eine geheimgehaltene Neigung, die Hilfsbereitschaft und Geduld seiner Frauen auszunutzen. Zumindest hat er nicht, wie Brecht, ihre Zeilen geklaut.

Rexroths frühe Lyrik und ihre Darbietung waren surrealistisch und dadaistisch. Er bewegte sich durch Imagismus zu einem klaren, einfachen Stil voller Sinnlichkeit, Humor, Menschlichkeit und breitgefächertem Wissen. Er übersetzte persische, altgriechische, lateinische, französische, spanische, tschechische, japanische und chinesische Gedichte ins Englische. Seine Essays behandeln mit scharfem Menschenverstand alles von Kabbalismus bis Anarcho-Syndikalismus, von den griechischen Tragödien bis Ginsburg, von der Geschichte der Wissenschaften in China bis zu den Liedern der amerikanischen Indianer.

Seine Gedichte ermutigten mich, sei es gut oder schlecht, auch nach der Pubertät mit Lyrik zu leben. Daß er in Deutschland kaum bekannt ist, ist ein großes Versäumnis.

Manche dieser Gedichte sind von mir und Herbert Laschet oder mir und Wolfgang Heyder zu zweit übersetzt, wie im Inhaltsverzeichnis zu vernehmen. Hilfe bekam ich auch von Sigrun Casper und Ernest Wichner.

Mitch Cohen, im August 1997

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