Norman und Adolf

12. November 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Zum Tode des Schriftstellers Norman Mailer hier vorab meine Rezension seines letzten Buches Das Schloß im Wald, die am Donnerstag in der Literaturbeilage der Jüdischen Allgemeinen erscheint:

Die Pointe vorweg: Adolf Hitler hat seine Verbrechen begangen, weil er vom Teufel besessen war. Dies zu verraten ist kein unzulässiger Vorgriff, da es der Leser des jüngsten Romans von Norman Mailer ebenfalls gleich zu Anfang erfährt. Der Erzähler von Das Schloß im Wald ist ein SS-Mann namens Dieter, der zu einer Elitetruppe um Heinrich Himmler gehört und sich als Assistent des Satans – vom Erzähler „Maestro“ genannt – entpuppt. Mailers Himmler ist überzeugt, daß Inzest besonders starke und leistungsfähige Individuen hervorbringt, und will beweisen, daß auch sein heißgeliebter Führer Produkt einer solchen Blutschande ist. SS-Mann Dieter wird beauftragt, genau das herauszufinden. Was Himmler nicht ahnt: Dieter weiß längst, daß es sich so verhält, hat er doch den jungen Adolf von dessen Zeugung an begleitet.

Der Maestro hat Großes vor mit dem kleinen Adi, wie er von seinen Eltern und dem Erzähler beständig genannt wird. Aus einer Ehe zwischen Alois Hitler und seiner Nichte Klara hervorgegangen – die gleichzeitig seine Tochter ist, weil Alois einst ein Verhältnis mit deren Mutter hatte (eine dichterische Zugabe Mailers) – , bietet Adi beste Voraussetzungen für die Pläne des Teufels. Wieso, weshalb das so ist, wie der erzieherische Einfluss des Satans überhaupt vonstattengeht, erfährt der Leser allerdings nicht so genau.

Es dauert 80 Seiten, bis das Baby Adolf überhaupt auf der Bildfläche auftaucht. Eigentliche Hauptfigur des Romans ist Adolfs Vater Alois Hitler, ein kaisertreuer Zollbeamter, autoritärer Kleinbürger und notorischer Frauenheld. Ermüdend lang breitet Mailer Alois’ Leben und Meinungen aus – seine Egozentrik, seine Frauengeschichten, seine Obrigkeitshörigkeit, seine Freude, beim Zoll Schmuggler zu ertappen, seine Feindschaft gegen die Kirche, seinen Versuch, sich als Imker selbständig zu machen, seine von verdruckster Erotik grundierte Grausamkeit gegenüber seinen Kindern. Doch diese wenig sympathische Figur bleibt einem gleichgültig, man vermag für ihre Handlungen und seine Ansichten kein rechtes Interesse aufzubringen – und man fragt sich, welche Aufschlüsse einem das alles nun über die Genese des Bösen in der Person Adolf Hitlers geben soll.

Die versucht Mailer mit viel Vulgärpsychologie zu erklären. Adi beobachtet die „Urszene“, den Geschlechtsakt seiner Eltern, spielt gerne mit seinen eigenen Exkrementen und onaniert wie wild. Außerdem hat er nur einen Hoden, getreu dem britischen Soldatenlied im Zweiten Weltkrieg: „Hitler has only got one ball“. Jung-Adolf ist außerdem sentimental und ein notorischer Lügner. Dazu kommt ein Schuß Jahrmarktsspuk: Der kleine Hitler stinkt – nach Schwefel.

Faschismus lernt Adi im Tierreich kennen. Aus der Bienenzucht seines Vaters weiß er, daß die überflüssigen, faulen Bienen von ihren fleißigen Artgenossen zu Tode gestochen werden. Adi sieht zu, wie sein Vater eine krank gewordene Bienenkolonie vergast: „In der Natur gibt es keine Gnade für die Schwachen“. In der Nacht darauf flößt der Teufel Adolf einen Traum ein, in dem er Tausende Bienen töten muß. Er ist „stolz auf die hohe Zahl, die er geschafft hatte“. An dieser Stelle hat Mailer wohl selbst gemerkt, wie dick er aufträgt. Er läßt seinen Teufel sagen: „Hier möchte ich den Leser warnen, nicht zu viel von der Vergasung und der Leichenzählung herzumachen. Das darf nicht als die einzige Ursache der künftigen Ereignisse mißverstanden werden.“ Wer hätte das gedacht.

Letztlich ist Das Schloß im Wald kein Buch über Hitler, sondern eines über das religiöse Weltbild Norman Mailers, der tatsächlich an Gott und den Teufel glaubt, wie er in seiner in den USA gerade erschienenen Sammlung religionsphilosophischer Essays On God bekennt. Hitler ist für Mailer der Inbegriff des Bösen, seit seine Mutter ihm in der Kindheit drohte, wenn er nicht brav sei, käme Hitler und würde ihn fressen.Im Roman kämpfen Engel (vom Erzähler „Büttel“ genannt) und Teufel um die Seele des Menschen. Manichäer ist Mailer dabei nicht. Der Mensch bleibt frei, kann sich, trotz aller Einflüsterungen, für eine Seite entscheiden, kann sogar von der einen auf die andere überwechseln – und wieder zurück. Sogar der Teufel Dieter erwägt den Austritt aus den satanischen Heerscharen. Gott ist in diesem Weltbild nicht allmächtig; sonst hätte es in den Augen Mailers Auschwitz nicht geben können. Daß diejenigen, die Auschwitz ins Werk gesetzt haben, letztlich doch besiegt wurden, ist für Mailer der Beweis, dass Gott gleichwohl existiert.

Sein Vorhaben, die Biographie Hitlers in weiteren Bänden fortzuschreiben, kann Mailer nicht mehr verwirklichen: Er starb am 11. November.

Ein Wort zur Übersetzung: Die Dialoge in der englischen Originalfassung sind von Germanismen durchsetzt. Amerikanische Kritiker beklagten, sie klängen wie schlechte Übersetzungen deutscher Texte. Wahrscheinlicher ist, daß Mailer dies als bewußtes Stilmittel eingesetzt hat. In der deutschen Fassung ist von diesem Verfremdungseffekt nichts übrig. Den Quellenanhang, den Mailer seinem Roman beigibt, hat man sich in der deutschen Ausgabe gespart. Als Unsitte verdient es außerdem bezeichnet zu werden, daß Bücher von US-Autoren fast ausnahmslos „aus dem Amerikanischen“ übersetzt werden – als spräche man in den Vereinigten Staaten von Amerika kein Englisch.

Norman Mailer: Das Schloß im Wald
Übersetzt von Alfred Starkmann
LangenMüller, München 2007, 464 S., 29,90 €

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