Hirnforscherin mit Hirn

16. November 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Unbedingt lesen! Die Weltwoche hat ein Interview mit der britischen Hirnforscherin Susan Greenfield geführt. Hier einige Auszüge:

Baroness Professor Susan Greenfield … hat die besondere Rolle entdeckt, die das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) bei der Zerstörung von Zellen spielt. Dies gilt als wichtiger Ansatz zur Bekämpfung von Hirnkrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson. Seit Greenfield 1994 als erste Frau die Weihnachtsvorlesung der Royal Institution hielt, sie präsentierte eine Rundreise durchs menschliche Hirn, die BBC live übertrug, kennt man sie auch auf der Strasse. 1998 übernahm sie die Direktion dieser Wissenschaftsvereinigung. Heute ist die 57-Jährige Professorin für Physiologie in Oxford, wo sie sich mit den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Technik und deren Einflüssen aufs Hirn beschäftigt. Ausserdem ist sie Mitglied des House of Lords, hat vier Biotech-Start-ups gegründet und neun populärwissenschaftliche Bestseller geschrieben. Ihr neustes Buch heisst «Tomorrow’s People. How 21st-Century Technology Is Changing the Way We Think and Feel». Sie wird nächsten Montag die Europäische Futuristenkonferenz in Luzern mit einem Vortrag eröffnen.

Sind wir tot, wenn unser Hirn tot ist?
Natürlich. … Unser Hirn, also unser Bewusstsein, und wir sind so eng miteinander verbunden, ich sehe nicht, dass das eine ohne das andere sein könnte.

Sie kommen aus der Arbeiterklasse und sind heute Baroness.

Für mich war das immer alles sehr logisch, sehr folgerichtig. Mich interessieren die Fragen: Was ist ein Individuum, was ist der Verstand, was ist Bewusstsein? Das sind die Fragen der alten Griechen. Und ich gab mich nie mit einem Nein als Antwort zufrieden. In diesem Sinn ist mein Leben in sich schlüssig, für andere mag das nicht so aussehen. Aber was soll’s? Wenn jemand, der ehrlich, offen und neugierig ist, schon als komisch gilt, ist das nicht mein Problem, sondern ein trauriges Zeugnis für unsere Gesellschaft.

Gibt es so etwas wie ein weibliches Hirn?
Das ist die strittige Frage. Ja, es gibt Unterschiede, aber die individuellen Unterschiede sind doch grösser. Würde man unsere beiden Hirne jetzt rausnehmen, keiner könnte sagen, welches das weibliche, welches das männliche ist. Hätte man aber hundert weibliche, hundert männliche Hirne, man sähe den Unterschied. Nicht nur die physischen Strukturen, sondern auch die chemische Zusammensetzung ist unterschiedlich, der Testosterongehalt. Männer und Frauen lernen anders.

Die amerikanische Forscherin Louann Brizendine zum Beispiel ist sehr erfolgreich in der Betonung der Unterschiede.
Schon, aber der genetische Determinismus führt nirgends hin. Wenn ich ein Credo habe, dann dieses: Man soll ein Individuum, man selbst sein. Es ist Zufall, dass ich Britin, dass ich eine Frau bin. All das trägt zum Cocktail bei, aber schliesslich bin ich einzigartig. Ich lasse mich auf kein Stereotyp reduzieren.

Brizendine sagt, Frauen verfügten «über eine achtspurige Autobahn, um Gefühle zu vermitteln und zu verarbeiten, Männer nur über eine Landstrasse».
Das ist lustig, aber das ist wie der Mythos der rechten und der linken Hirnhälfte, die linke als die berechnende, logische, männliche Hälfte, die rechte als die weiche, gefühlsbetonte, weibliche Hälfte. Blödsinn. Aber wir Menschen brauchen Taxierungen, Kategorisierungen, um der Welt einen Sinn zu geben.

Unsere Individualität ist unser teuerstes Gut. Das war ja das Fürchterliche am Faschismus und am Marxismus, der eine betonte genetischen Determinismus, der andere wollte die Lebensumstände verändern. Beide wollten den Individualismus vermindern zugunsten eines Kollektivismus. Heute erleben wir den gleichen Kollektivismus bei islamischen Fundamentalisten. Alles, was einen Menschen daran hindert, sein Potenzial auszuschöpfen, muss bekämpft werden.

Waren Sie immer schon so selbstbewusst?
Je älter man wird, umso selbstbewusster ist man. Mein Vater war jüdisch, meine Mutter nicht. … Ich kam aus der Arbeiterklasse und stieg auf. Ich konnte mich nie durch eine bestimmte Gruppe, eine Religion, eine grosse Familie definieren. Ich war immer auf mich selbst gestellt, ich war immer die Erste, überall, die erste Frau, die erste Wissenschaftlerin, die erste weiss Gott was.

Warum nimmt man Drogen?
Weil man so sein will wie alle andern, weil man die Wirklichkeit nicht mehr aushält oder weil man sich langweilt. Was haben Drogen mit Fortschritt zu tun? Jede Droge hat einen Einfluss aufs Hirn. Was mich aus der Fassung bringt, ist der Satz, den man heute überall lesen kann: «Ich experimentiere mit Drogen.» Als ob derjenige, der Drogen nimmt, ein Wissenschaftler sei, der seine Experimente macht. Sie nehmen Drogen. Punkt. Wir dürfen nicht Drogen entkriminalisieren – nur weil wir meinen, fortschrittlich oder cool sein zu müssen. … Es gibt heute starke Hinweise dafür, dass Cannabis zu Depressionen führen kann. Drogen führen zu Motivationsschwierigkeiten, zu langsamerem Denken, sie behindern einen, sein Potenzial auszuschöpfen. Das weiss ich als Wissenschaftlerin, das habe ich erforscht. Und als Politikerin frage ich: Wollen wir das?

Bedauern Sie es nicht manchmal, dass man nicht einfach einen Teil aus dem Hirn zum Beispiel eines Mörders rausschneiden kann, und er wäre endlich friedlich und glücklich?
Darüber schreibe ich gerade. Würden wir nicht etwas verlieren, wenn alle immer nur glücklich wären?

Sie gingen als junge Studentin ins Büro eines Professors für Neurologie und sagten: «Ich will alles übers Hirn wissen. Nehmen Sie mich in Ihr Doktorandenprogramm auf.» Sie hatten vorher Literatur studiert, Sie wussten nichts.
Ich war halt enthusiastisch. Ich sage meinen Studenten immer: Das Wichtigste im Leben sind Enthusiasmus und Leidenschaft. Der Professor fragte mich etwas ganz Banales, einen Fachbegriff. Ich hatte keine Ahnung. Aber mein Enthusiasmus muss ihn beeindruckt haben. Er nahm mich. Und ich eignete mir das Wissen an.

Sie haben keine Kinder. War das ein Grund für Ihre Karriere?
Ich habe mich nicht gegen Kinder entschieden, um Karriere zu machen. Aber es ist heute hart, Kinder zu haben und gleichzeitig zu forschen. Ich sage nicht, man solle es deshalb nicht tun. Aber ich wollte keine Kinder mehr, die Geburt meines Bruders hat mich davon abgebracht. … Das Gebrüll, die Windeln, die schlaflosen Nächte, nein danke.

Letzte Frage: Gibt es den freien Willen?
Wenn man denkt, man habe einen freien Willen, hat man einen freien Willen.

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