Adam und Eva tun’s mit Kondom

19. November 2007 § 4 Kommentare

Uniformen, Orthodoxe und lüsterne Palästinenser: Israelische Pornos setzen landeseigene Akzente

Der Altersdurchschnitt liegt unter 30, und etwa zwei Drittel der Besucher sind weiblich. Beim 2. internationalen Pornfilmfestival Ende Oktober in Berlin bestätigt die Zusammensetzung des Publikums so gar nicht das Klischee vom typischen Pornokonsumenten, der sich fett, verschwitzt und männlich durch die Schmuddelabteilungen der Videotheken drückt. Studentisch geprägte Großstadtboheme findet sich zu den zahlreichen Filmen und Vorträgen auf dem von dem Filmemacher Jürgen Brüning initiierten Festival ein. Brüning gründete in den frühen neunziger Jahren bereits das Schwul-lesbische Filmfestival. Mit dem Pornfilmfestival will der 49-Jährige Kunst, Independent und Avantgarde zeigen – ohne den expliziten Charakter der Filme zu leugnen. Nur Durchschnittsware dürfe es eben nicht sein. Laut Brüning stammen 30 Prozent der gezeigten Filme von weiblichen Regisseuren.

Porno gibt es auch in Israel. Im Kreuzberger Eiszeit-Kino, 1980 von Brüning gegründet, beschäftigen sich gleich zwei Vorträge mit dem Sexfilm in Israel und seinen gesellschaftspolitischen Implikationen. Liad Kantorowicz spricht über „Soziale und politische Tabus in israelischer Pornografie“. Die kleine Frau in Hippiekleidung stellt sich als „Pro-Sex-Aktivistin“ vor; ihr Thema ist – wie bei vielen linken Israelis – die „Gewalttätigkeit“ der israelischen Gesellschaft. („Natürlich ist die palästinensische Gesellschaft ebenso gewalttätig, nicht daß Sie denken, ich sei voreingenommen gegen Juden.“) Vier gesellschaftliche Spannungsfelder behandelt Kantorowicz anhand von Filmbeispielen: das Militär; das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern; jüdische Minderheiten, etwa Falaschas; und schließlich das Verhältnis zwischen Religiösen und Säkularen.

Der Reiz der Pornographie in einem so kleinen Land wie Israel bestehe, so Kantorowicz, nicht zuletzt in der Neugier, ob man womöglich jemanden wiedererkennt. Erst seit fünf Jahren gebe es eine reguläre Pornoindustrie in Israel, die im wesentlichen aus fünf Firmen bestehe, die recht amateurhafte Streifen produzierten.

In einem Land, in dem Frauen wie Männern Militärdienst leisten müssen, ist es nicht verwunderlich, wenn die Erfahung des Wehrdienstes auch in der populären Kultur inklusive des Pornos eine Rolle spielt. Militär-Traumata, so eine These von Kantorowicz, werden unter anderem im Sexfilm aufgearbeitet. Ein Beispiel ist der Film Stranded at the Military Base, in dem erstaunlich gutaussehende Darsteller, die unter ihren Uniformen nichts tragen, die Langeweile des Militäralltags auf ihre Weise totschlagen. Zu den hebräischen Dialogen lesen Kantorowicz und ihre Assistentin Maya Ne’emani eine englische Übersetzung ein, was für große – und durchaus intendierte – Heiterkeit sorgt.

Das zweite große israelische Tabu – der Konflikt mit den Palästinensern – äußere sich in der Ambivalenz gegenüber dem gleichermaßen verhaßten wie begehrten Fremden. Darstellungen von Arabern in Pornos seien dementsprechend sehr beliebt. Weil es aber schwierig ist, palästinensische Darsteller zu finden, würden Araber in Filmen mit Titeln wie Tunesian Sandwich, The Horny Muezzin oder Shaved Arab Pussies meist von Israelis dargestellt. Da Israelis aber schon gerne wissen wollen, was im Bett der Nachbarn vor sich geht, machte im letzten Jahr ein über das Internet verbreiteter Amateurfilm aus dem Libanon Furore. Ein Libanese hatte sich und seine Freundin beim Sex gefilmt – wobei nur ihr Gesicht zu sehen ist – und das ganze online gestellt. Da es auch im Libanon Internetanschlüsse gibt, lebt diese Frau mittlerweile irgendwo im Verborgenen.

Zu der Darstellung äthiopischer Juden im Porno hat Kantorowicz kein geeignetes Filmmaterial gefunden. Wiewohl der Hinweis nicht fehlen darf, daß diese im heutigen Israel rassistisch diskriminiert werden, wie überhaupt der ganze Vortrag sich durch fast übertriebene Political correctness auszeichnet. Zum Thema Religion gibt es dann wieder zahlreiches Bildmaterial. Die Kleidung der Haredim, erzählt Kantorowicz, sei für manche Israelis ein veritabler Fetisch. So tauchen als Orthodoxe verkleidete Darsteller in etlichen Filmen auf. Beliebt sind auch Bibeldarstellungen wie in dem Porno Sodom und Gomorrha. Ein anderer Film zeigt Adam und Eva beim Sex mit Kondom auf einer blauen Campingdecke („Tiefer, Adam!“), wobei im Hintergrund ein Kinderspielplatz zu sehen ist. Angesichts der trashigen Ausstattung müssen die Darsteller selber lachen. Ein offenbar nicht sehr bibelfester Zuhörer fragt: „War das die Jungfrau Maria?“ Kantorowicz antwortet: „Nein, das war Eva. Wir sind Juden, wir haben keine Jungfrau Maria. Euren Maria-Porno müßt ihr schon selber drehen.“

Fazit des nicht sehr wissenschaftlichen, wohl aber unterhaltsamen Vortrags: Der israelische Porno bringt, unter Umgehung der Political correctness, undiskutierte gesellschaftliche Tabus zur Sprache. A propos Tabus und Obsessionen: Kantorowicz erwähnt das Gerücht, daß in Israel manche Pornos speziell für den deutschen Markt produziert würden, weiß aber nicht, ob das wirklich stimmt.

Am folgenden Abend lädt Yair Hochner, Filmregisseur und Mitveranstalter des Lesbisch-schwulen Filmfestivals in Tel Aviv, zu einer Reise durch die israelische Filmgeschichte ein. Die Darstellung von Frauen und sexuellen Minderheiten im Mainstream-Kino steht im Mittelpunkt, von der ersten nackten Brust auf einer israelischen Kinoleinwand im Jahre 1964 über die auch hierzulande erfolgreiche Eis am Stiel-Reihe (1978 ff.) bis zu der Agenten-Parodie Mossad – Deep Investigation (mit der selben Darstellerriege wie in Stranded at the Military Base) – wobei auch hier wieder die Überkorrektheit nervt; ständig muß der angebliche Chauvinismus israelischer Männer entlarvt werden. Hochners Schwerpunkt ist indes das selbstbewußte Coming out schwuler Regisseure wie Amos Gutman und Eytan Fox in den achtziger und neunziger Jahren. Gutman, der bis zu seinem Aids-Tod nur vier Filme realisieren konnte, ist mit Ausschnitten aus seinen Filmen Drifting (1982) und Amazing Grace (1992) vertreten. Der größte Teil des gezeigten Materials stammt aus Filmen von Eytan Fox, der durch Filme wie Yossi & Jagger oder dem auf der letzten Berlinale gefeierten The Bubble auch in Deutschland vielen ein Begriff ist.

Hierzulande nicht zu sehen war bisher Fox’ sehr erfolgreiche Fernsehserie Florentine von 1996, die sich um hippe Mittzwanziger in Tel Aviv dreht. Der Strasberg-Schüler und Songwriter Uri Banai, der in der Serie den schwulen Iggy spielte, ist an diesem Abend anwesend und berichtet von seinen Erfahrungen, als Heterosexueller in der Öffentlichkeit aufgrund seiner Rolle für schwul gehalten zu werden. So schlimm sei es gar nicht gewesen, meint Banai, er sei nicht angefeindet worden, und seiner Karriere habe die Rolle auch nicht geschadet.

Israel ist eben nicht nur die einzige Demokratie im Nahen Osten; es ist auch das einzige Land der Region mit einer legalen und akzeptierten Sexfilmindustrie. Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt?

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