Auch in Berlin wird jetzt gegen die „Israel-Lobby“ gekämpft

20. November 2007 § 8 Kommentare

Die amerikanische Nahostpolitik wird – und dies zu ihrem Schaden – von einer „Israel-Lobby“ bestimmt. Das meinen die US-Politologen John J. Mearsheimer und Stephen Walt. In ihrem gleichnamigen Zeitschriftenaufsatz in der London Review of Books, wenig später zu einem Buch ausgewalzt, liefern sie die passende Immunisierungsstrategie gegen Kritik gleich mit: Wer die Israel-Lobby kritisiere, würde mit dem ungerechtfertigten Vorwurf des Antisemitismus bedacht.

Derzeit touren die beiden mit ihrem Buch durch deutsche Städte. Auch in Berlin wurde Station gemacht, Gastgeberin war die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Dort wiederholen Walt und Mearsheimer ihre Kernthesen: Die Israel-Lobby, bestehend aus Aipac (American Israel Public Affairs Committee) und anderen jüdischen Organisationen, den Zeitschriften Weekly Standard und New Republic sowie den Neokonservativen, habe die öffentliche Meinung in den USA fest im Griff, so daß sich kein Politiker traue, Israel zu kritisieren; ausschließlich Israel und die Israel-Lobby, inclusive der Neocons, seien die treibenden Kräfte hinter dem Irakkrieg gewesen; heute dringe die Lobby auf einen Krieg gegen den Iran; dieses nähre den Terrorismus und schade den amerikanischen Interessen, ebenso – wie die Autoren immer wieder betonen – denen Israels. Bei soviel freundlicher Fürsorge fragt man sich aber doch, warum sie es nicht Sorge der Israelis sein lassen, was ihren Interessen am besten dient. Ihre Forderung: Amerika solle seine „special relationship“ mit Israel aufgeben, sich von der Politik des Landes „distanzieren“ und Israel als ein „normales Land“ behandeln.

Das Wort „normal“ fällt im Laufe des Abends sicher zwanzigmal. Eine Rednerin aus dem Publikum fragt, was denn Normalität bedeuten solle, angesichts der ganz und gar nicht normalen Situation ständiger Bedrohung, und wenn Israel nur dank amerikanischer Hilfe überhaupt überleben könne? Dies kontert Walt, indem er die Bedrohungslage in Abrede stellt. Die Terrorangriffe seien keineswegs eine Gefährdung für Israels Existenz. Und Ahmadinedschad wolle Israel überhaupt nicht vernichten, das sei ein Übersetzungsfehler gewesen. Stalin und Mao hätten die Atombombe schließlich auch nicht eingesetzt, also werde Ahmadinedschad das auch nicht tun.

Sonst ist im Publikum vor allem Zufriedenheit zu spüren. Einige alte Diplomaten a.D. äußern zustimmend, sie hätten dem jeweiligen Außenminister ja schon immer gesagt, daß auch die deutschen Beziehungen zu Israel auf den Prüfstand müßten.
Kritik wird nur noch an dem Cover der deutschen Ausgabe geübt. „Das ist eindeutig antisemitisch“, sagt der Politologe Thomas Risse von der Freien Universität Berlin, der inhaltlich, wie er betont, keine Differenzen mit den Autoren hat. Das deutsche Cover zeigt eine US-Flagge mit Davidsternen für die einzelnen Bundesstaaten. Das gleiche graphische Element fand bereits für ein anderes Buch Verwendung: die Nazi-Propagandaschrift „Kräfte hinter Roosevelt“ von 1942. Diese Kritik kann Mearsheimer nicht nachvollziehen. Das Cover sei mit den Autoren abgesprochen, sie fänden es auch nach wie vor treffend und originell, von dem Nazi-Buch hätten sie nichts gewußt, und die Ähnlichkeit sei reiner Zufall. Überhaupt sei das ja wieder mal ein Beleg für unangemessene Antisemitismusvorwürfe.

Gegen die Einladung Walts und Mearsheimers hatte im Vorfeld der Historiker Jeffrey Herf, derzeit Fellow der American Academy in Berlin, scharf protestiert. In einem Brief an die DGAP wirft er dieser vor, „antisemitische Argumente respektabel“ zu machen. Die DGAP reagierte in ungewöhnlich scharfer Form. Der Antisemitismusvorwurf wird im Antwortschreiben an Herf komplett zurückgewiesen: Im gesamten Buch von Walt und Mearsheimer finde sich nichts Antisemitisches. Der Beweis: „Wäre es anders, hätte es nie eine solche Einladung gegeben.“ Herf wird „ideological warriorhood“ vorgeworfen. Nach dem Hinweis, daß Israelkritik nichts mit Antisemitismus zu tun habe, gipfelt der DGAP-Brief in den Worten: „Sie (Herf) verletzen Mindeststandards persönlichen und professionellen Umgangs, indem Sie unterstellen, daß die Beförderung von Antisemitismus in unserem Interesse oder unserer Absicht liegen könnte. Zumindest unterstellen Sie, daß wir auf Ihren Rat angewiesen sind, um zu verstehen, worum es geht. Damit verunglimpfen Sie nicht nur uns, sondern auch die kollektiven Leistungen dieses Landes bei der kritischen Aufarbeitung seiner Geschichte … Wir unterdrücken hierzulande keine Debatten mehr, so wie es in den dunklen Tagen unserer Geschichte leider der Fall war.“

Das gleich im nächsten Absatz folgende freundliche Angebot der DGAP, an einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung über die Israel-Lobby teilzunehmen, lehnte Herf dankend ab.

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Update: Der Bericht der Berliner Zeitung über den Abend.

§ 8 Antworten auf Auch in Berlin wird jetzt gegen die „Israel-Lobby“ gekämpft

  • peetgp sagt:

    Danke für den Bericht!

  • alibaba sagt:

    Wenn man sich so den Förderkreis der DGAP anschaut könnte ja auch der Verdacht aufkommen hier sei die „Israel-Lobby“ am Werk.

    Aber wahrscheinlich sind da eher die Rächer der Enterbten bzw. der von amerikanischen Rechtsanwälten erstrittenen Entschädigungen, die der deutschen Wirtschaft und manchen verarmten Industriellen und Museen das letzte Kunstwerk raubte, am Wirken.

    Wirklich originell ist der Spruch mit dem antisemitischen Cover und dem lupenreinen Inhalt. Wir wissen jetzt also das nicht überall wo Nutella draufsteht auch Nutella drin ist.

    Ich gehe jede Wette ein, dass mindestens 90% von denen die das Buch kaufen, es gerade wegen diesem Cover kaufen.

  • drei sagt:

    Der Inhalt interessiert nur die intellektuelle Mischpoke.Selbst bin ich nur am Cover interessiert.
    Die Zensur findet im neuropathologischen Substrat „der
    Weltjudenschaft“ (was immer das sei?)statt.Schalom DD

  • drei sagt:

    Herf is since ever a hot cerf.dd

  • chefchilla sagt:

    Hmmm… das diese Uralt-Realisten jetzt plötzlich auf gesellschaftliche Kräfte wie die „Israel-Lobby“ Rücksicht nehmen, wundert mich schon.

  • M. Möhling sagt:

    Hallo Ingo. Schön zu lesen, dass man dich freundlich aus dem Hotel *** grüßen lässt – knowwhaddamean…🙂

  • Robert sagt:

    Auch ich will mich recht herzlich für diesen Bericht bedanken.

  • Klaus Bloemker, Frankfurt am Main sagt:

    Einen Punkt hast Du richtig Ingo:

    Wenn Walt und Mearsheimer sagen, die amerikanische Neo-Con Nahostpolitik läge nicht nur nicht im amerikanischen Interesse sondern auch nicht im israelischen, könnte man meinen, das israelische Interesse läge ihnen am Herzen und wollten sie befördern. – Damit würden sie auch selbst zur pro-Israel Lobby gehören.

    Aber alles andere was Du in der Sache schreibst ist schwach.

    Der Punkt ist doch: Die amerikanische Israel Lobby hält die Fahne Israels immer hoch, egal ob bei der illegalen Besiedlung/Kolonisierung der West Bank, beim Iraq Krieg, dem Libanon Krieg im vergangenen Jahr etc. – Übrigens deckt sich die Meinung der Lobby in den genannten Punkten nicht mit der der Mehrheit der amerikanischen Juden. Das organisierte Judentum (die großen Organisationen) repräsentiert nicht korrekt die amerikanisch-jüdische Meinung. Das kommt daher, dass die Hauptgeldgeber der jüdischen Organisationen in ihren Einstellungen viel rechter-zionistischer sind als der jüdische Durchschnitt.

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