Genosse Denunziant

4. Dezember 2007 § 11 Kommentare

Der antideutsche Blogger Hector Calvelli schickte eine Mail an die dreiköpfige GbR „Die Achse des Guten“, die er freundlicherweise auch mir zur Kenntnis gab. Hier sei sie dokumentiert – zum einen, weil damit nun geklärt sein dürfte, wer versucht, den Autor Michael Holmes aus der Achse des Guten herauszumobben (Liza war es also nicht; sorry nochmal), und zum anderen, weil sie den – groteskerweise sogar teilweise erfolgreichen – Versuch antideutscher Linksradikaler belegt, einem islamismuskritischen und proisraelischen liberalen Milieu zu oktroyieren, worüber es zu diskutieren und wozu es zu schweigen hat. Hier nun die Mail von Calvelli, nebst Kommentaren:

Meine lieben Herren,

in der Diskussion um Mr. Holmes und seinen (gelöschten) Artikel zur Antifa scheint mir ein wesentlicher Aspekt unterzugehen:

Es sollte für einen anständigen Linken (und vielleicht gibt es derer gar noch zwei oder drei) in keinster Weise ein Problem darstellen, wenn totalitäre Gewaltphantasien kritisiert werden. Es sollte vielmehr seine Sache selbst sein. Doch darum geht es Mr. Holmes keineswegs.

Vielmehr ist offensichtlich, dass der ehemals orthodox-kommunistische Linksradikale Holmes jedem, der seinem idologischen U-Turn nicht in vollem Umfang teilt, immerzu totalitäre Gewaltphantasien unterstellt, die jener angeblich nur aus taktischen Gründen zu verbergen trachtet. Und das ist blanke Demagogie. Sie geht gegen proisraelische und prowestliche Linke und Ex-Linke, gegen Antideutsche und ihre neokonservativen oder liberalen Abspaltungen.

Holmes‘ Text ging gegen die Autonome Antifa und nicht gegen proisraelische Linke. Solche kommen im Text gar nicht vor. Bezeichnend, daß Calvelli sich dennoch angesprochen fühlt. War es Egozentrik, oder fühlte er sich entlarvt? Es geht auch gar nicht ausschließlich um Gewaltphantasien, sondern darum, daß bestimmte politische Utopien auf der Linken, sobald sie verwirklicht würden, unweigerlich in eine totalitäre Gesellschaft führen müßten, seien die Anhänger dieser Utopien auch noch so lieb und freundlich. Zu den neokonservativen oder liberalen Abspaltungen gehört Holmes schließlich selbst – warum sollte er gegen sich selber Demagogie üben?

Und in eben diesem Sinne sind Mr. Holmes´ Elaborate nicht nur szene-interne Spielchen, sondern zielen auf Denunzierung und Ausgrenzung politischer Positionen und Personen. Sie sind nichts weniger als stalinistisch.

Per Retourkutsche wirft hier ein Linksradikaler einem Liberalen vor, Stalinist zu sein, und beweist damit nicht nur, daß er, weil er es ablehnt, sich mit der Geschichte der Sowjetunion eingehender zu befassen, aus Furcht, sonst sein Geschichtsbild revidieren zu müssen,keinerlei Begriff von Stalinismus hat, sondern auch wieder einmal, daß er sich mit Denunzierung und Ausgrenzung bestens auskennt. Falls es bei der von Holmes geübten inhaltlichen Kritik um die Ausgrenzung von Personen und Positionen geht, müßte zunächst geklärt werden, ob diese Aus- bzw. Abgrenzung nicht womöglich die mit gutem Grund zu wählende Option sei. Was hat man denn mit Leuten gemein, die die Berliner Mauer ohne Anführungszeichen und ohne erkennbare Ironie als antifaschistischen Schutzwall bezeichnen; die selbst nichts daran finden, ihre antideutschen Mitstreiter zu denunzieren und auszugrenzen, wenn es opportun erscheint; die zum apokalyptischen Letzten Gefecht gegen die Mullahs blasen, als stünde die weltweite Machtübernahme des Islamofaschismus so unmittelbar bevor, daß andere Widersprüche zwecks Wahrung der Wehrfähigkeit unter den Teppich gekehrt werden müßten? Was Calvelli versucht, auszugrenzen und zu denunzieren, ist eine klassisch antitotalitäre Kritik, die auch vor einem Linksradikalismus nicht halt macht, der in gut marxistischer Tradition den Machtanspruch religiöser Fanatiker zur Zeit für gefährlicher hält als die westliche Form des Regierens und Wirtschaftens, die er dennoch langfristig überwinden will.

Man muss kein großer Psychologe sein, um zu erkennen, dass Holmes in seinen Artikeln nicht politische Kritik übt, sondern sich an seiner eigenen Vergangenheit und vor allem an seinen eigenen totalitären Gewaltphantasien, die ihn wie ein Gespenst verfolgen und die er neu codiert noch immer nicht bewältigt zu haben scheint, abarbeitet.

Abarbeiten, schmabarbeiten. Ein kleiner Psychologe ist Calvelli aber doch, so daß er per Ferndiagnose beurteilen kann, was Holmes in Wirklichkeit umtreibt, wenn er – vermeintlich – politische Kritik übt. So ein psychologischer Einwand ist natürlich weder zu be- noch zu widerlegen, da steht der Positivist dumm da.

Pragmatisch im klassischen Sinne – nämlich der Sache angemessen – sind solche von Ranküne geleiteten Auseinandersetzungen nicht. Die Sache nämlich, um die es zu gehen hätte, ist die Verteidigung der Aufklärung, ist die Parteiname für Israel und ist schließlich die Unterstützung eines jeden Versuches, dem antisemitischen und antiwestlichen Wahn der Mullahs und ihrer Kollaborateure in den Arm zu fallen. Das – und nur das – wäre der pragmatische Minimalkonsens. Doch scheinen einige zu meinen, dass unter diesem Minimalkonsens sich noch zu viele vereinigen würden.

„Das – und nur das“, – so glaubt der Herr Calvelli einen Minimalkonsens dekretieren zu können. Ja genau, eben wegen dieses Manichäismus – wer den „Minimalkonsens“ nicht teilt, gehört bereits zu den Feinden Israels – haben so manche dem antideutschen Milieu den Rücken gekehrt. Ist es verwunderlich, wenn diese jetzt versuchen, einem Vordringen solcher Politkommissar-Mentalität in liberale Kreise einen Riegel vorzuschieben, weil sie nicht schon wieder erleben möchten, daß die freie Diskussion und der zwanglose Zwang des besseren Arguments durch eine vorgeschriebene Parteilinie ersetzt werden, deren – selbst nur scheinbare – Übertretung schwerste Anschuldigungen nach sich zieht?

Zumal es sich um einen „Minimalkonsens“ handelt, den Calvelli allein definiert hat und der von niemandem unterschrieben wurde. So immunisiert man sich gegen Kritik. Hier wird ein Burgfriede beschworen (den Calvelli freilich selbst nicht einhält), als befänden wir uns mitten im Krieg, wo jedes Parteiengezänk den Kampfeswillen schwächt. Diese Wagenburgmentalität, dieses die Reihen fest Schließen gegen den Feind, die Apokalyptik usw. – all das sind ungute antideutsche Marotten, die nun ins liberale Bloggermilieu überschwappen. Was Calvelli letztlich sagt, ist: „Wer uns, die Antideutschen, kritisiert, gefährdet damit Israel.“ Abgesehen von der Hybris, auf die paar Antideutsche komme es an (Israel ist zum Glück auf diese Leute nicht angewiesen), kungeln liberale Freunde Israels auch nicht mit den Schwulenhassern von P.I. oder den Judenmissionierern von der Partei bibeltreuer Christen, oder sollten das zumindest nicht tun.

Was schließlich die Solidarität mit Jüdinnen und Juden und dem Staat Israel anbelangt, so erweisen sich die Antideutschen ohnehin als unsichere Kantonisten, sobald Juden nicht dem Wunschbild entsprechen, das sie sich von ihnen machen. Gut die Hälfte der Beiträge in Calvellis Blog beschäftigt sich mit Juden, denen vorgeworfen wird, antisemitisch oder zumindest nicht konsequent israelsolidarisch zu sein, Appeasement zu betreiben oder sich bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft einzuschleimen. Nun gibt es das Phänomen des jüdischen Antisemitismus durchaus – bei Leuten wie Alfred Grosser oder Tony Judt trifft dieser Vorwurf sicher zu. Doch in der Massierung, mit der das Thema bei Calvelli auftaucht, wirkt es wie eine Obsession. Endlich kann man als deutscher Nichtjude einmal etwas gegen Juden sagen und sich doch immer noch als Kämpfer gegen den Antisemitismus fühlen, bis hin zu dem impliziten Vorwurf gegenüber in Deutschland lebenden Juden, nicht antideutsch genug zu sein.

Ich fürchte dagegen, es sind erbärmlich wenige

Mit besten Grüßen aus Kamtschatka…

Kamtschatka – ist das da, wo der Pfeffer wächst? Nun, so erbärmlich wenige sind es auch wieder nicht. Selbstverständlich gibt es bei der Verteidigung der Aufklärung Bündnispartner auf der Linken. Dazu gehören die Unterzeichner des Euston Manifesto, Intellektuelle wie Michael Walzer und Christopher Hitchens, einige Autoren der Jungle World sowie jene Sozialdemokraten, die den Wert der Freiheit nicht vergessen haben und für die die Freundschaft mit Amerika ebensowenig verhandelbar ist wie die mit Israel. Auch bei den Grünen und beim DGB gibt es Leute, mit denen man reden kann. Selbst die Partei „Die Linke“ hat ihre Petra Pau. Was Demokraten, die für Freiheit, gegen Diktaturen und gegen Antisemitismus eintreten, allerdings so dringend benötigen wie ein Furunkel am Gesäß, sind antideutsche Linke, die sich in Heldenpose werfen und sich als die einzig konsequenten Verfechter der reinen und wahren Israelsolidarität inszenieren, in ihren eigenen Publikationen von der Notwendigkeit des Kommunismus schwadronieren und sich darin gefallen, demokratische Freunde Israels über die ständig wechselnden Stöckchen ihres Minimalkonsenses springen zu lassen. Vor ein paar Jahren noch war es Minimalkonsens bei den Antideutschen, die Politik von Milošević gegen den bosnischen Islamfaschismus zu verteidigen. Vergeben und vergessen. Auch gehörte es zum Minimalkonsens, alles gutzuheißen, was seinerzeit die Sowjetunion in Afghanistan und später Putins Rußland in Tschetschenien so angestellt haben – auch da ging es angeblich um die Verteidigung der Aufklärung gegen den Islamfaschismus. Heute redet man nicht mehr so gerne darüber.

Aber eine rhetorische Nebelbombe hat der Genosse Denunziant Calvelli noch in der Tasche: den Vorwurf des Rechtsradikalismus:

post mailum:

Dass ein solcher Minimalkonsens dem real existierenden Holmismus nicht entspricht, dokumentiert dieser Artikel, den Mr. Holmes auf Achgut zur Veröffentlichung gebracht hat:

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_zweck_verunheiligt_die_mittel/

Dieser Text kritisiert nicht in aufklärerischer Absicht den zur Phrase verkommenen offiziellen deutschen Antifaschismus. Vielmehr dokumentiert er im Stile der Jungen Freiheit eine absichtsvolle Geschichtsvergessenheit, die vom Nationalsozialismus nichts mehr hören will und nichts problematisch daran findet, wenn ein Viertel der Deutschen die guten Seiten des NS sucht und findet.

Das aber ist nicht Aufklärung. Es ist ihr Gegenteil.

Genau. Es ist die alte kommunistische Taktik, politisch Andersdenkenden vorzuwerfen, den Faschismus zu unterstützen. In diesem Falle reicht dazu schon, einen Gastbeitrag zu veröffentlichen, in dem die Skandalnudel Eva Herman nicht gleich als Vorbotin des Vierten Reichs perhorresziert wird. Zum Zweck der Denunziation dient auch, mal eben die Junge Freiheit zu erwähnen, als verstünde sich damit schon von selbst, wo hier inhaltliche Gemeinsamkeiten liegen sollen – die es natürlich nicht gibt.

Sind es solche wortreichen und gedankenarmen Eingaben von politischen Amokläufer, die die Achse des Guten zu schwerwiegenden redaktionellen Entscheidungen veranlassen? Das gäbe zu denken.

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§ 11 Antworten auf Genosse Denunziant

  • Michael Holmes sagt:

    Die von Hector Calvelli verteidigten „Antideutschen“, die – noch einmal! – in meinem Text nicht erwähnt wurden, weil sie auch nicht gemeint waren, sind übrigens sehr viel intoleranter gegenüber (andersdenkenden) Linken als ich es bin.
    So heißt es etwa in einem Text aus einer Bahamas
    (44,2004) von einem Ralf Schröder und einem Sören Punjer: „Basisbanalitäten zum Fahnenstreit – Ein kleiner Katechismus für alle Freunde Israels“ (zu finden auf der Homepage: „Redaktion Bahamas“) explizit und ganz generell:

    „Antideutsche hätten es schon lange wissen können: es kann keine (!) Bündnisse mit Linken (!!) mehr geben, auf die sie sich sinnvoll beziehen könnten.“

    Also: alle Antisemiten, außer uns. Im Text wird dann etwa auch Ivo Bozic von der Jungle World denunziert (den ich bei allen zum Teil gewaltigen Differenzen einfach sympathisch finde).
    Das heißt die Bahamas war schon nicht mehr links? Doch – aber hallo! – kommunistisch war sie (gleicher Text):

    „Die Sowjetflagge, die bestenfalls die revolutionäre Utopie (!), doch meist nur das Historie gewordene Elend des Moskauer Regimes meint“

    Und tatsächlich schmeißen sie auch alle Antifas in einen Topf, so wie ich es eben nicht getan habe (ich habe bewusst von der Organisation gesprochen):

    „Hamburg, 31. Januar 2004: Ein paar blau-weiße Fahnen mit dem Davidstern, getragen auf einer Demonstration gegen Rechtsextreme, führen zum angekündigten Eklat. Antisemitisches Gebrüll leitet den Sturm auf Flaggen und Flaggenträger ein, es wird getreten und geprügelt, die Fahnen Israels sollen zu Boden gehen. Die Täter sind keine Neonazis, es sind deutsche Antifaschisten. Die Rufe „Mörder, Mörder!“, „Intifada!“ und auch „Juden raus!“, die man, wie die Gruppe Bad Weather aus Hamburg zu Recht in ihrem „Basisbanalitäten“-Papier anmerkt, zum gleichen Anlaß auch beim Naziaufmarsch hören konnte, blieben von der Mehrheit der antifaschistischen Demonstranten unbeanstandet.“

    Tja, ich habe dem nichts hinzuzufügen. Außer eben, dass Hector Calvelli die Antideutschen nicht aus seiner Kritik ausnehmen dürfte, wenn er schon so tapfer gegen meine angeblichen antilinken Vorurteile kämpft.
    Und noch etwas: Dem Verfassungsschutz zufolge gab es 2006 in Deutschland etwa 36 000 islamistische Extremisten und etwa 31 000 Linksextremisten. Unter diesen wurden fast sämtliche Straftaten (etwa 85%) von Mitgliedern der Antifa oder deren unmittelbaren Umfeld begangen. Es ist also eine ganz prima Idee, die Antifa gegen den Totalitarismus zu mobilisieren.
    Es sollte sich von selbst verstehen: Antifaschisten, die den Namen verdient haben, gibt es genug. Die linksextreme Antifa gehört zu unseren politischen Feinden.

  • jo@chim sagt:

    Es ist also eine ganz prima Idee, die Antifa gegen den Totalitarismus zu mobilisieren.
    Es sollte sich von selbst verstehen: Antifaschisten, die den Namen verdient haben, gibt es genug. Die linksextreme Antifa gehört zu unseren politischen Feinden.

    D’accord!

  • […] die Liberale Bloggosphäre ein Hectorraum? Ingo Way deckt auf, wer hinter den “Gerüchten, Anschuldigungen und Streitigkeiten” um Michael […]

  • Bad Blog sagt:

    Kein Ende mit Schrecken…

    Eigentlich dachte ich ja die Chose (1,2,3,4,5) ist langsam endlich vorbei. Aber da habe ich mich gründlich getäuscht. Der Blogger Hector Calvelli hat sich nämlich gegenüber Ingo Way als derjenige geoutet, der die guten Achsenmächte dazu brachte de…

  • […] von momorulez am Dezember 5, 2007 Wenn ich diesen Eintrag von Ingo Way so lese, der sich ja ein wenig wie der zusammenfassende Witz über politische Diskussionen in der […]

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  • […] Notwendige Nestbeschmutzung (Ingo said) Kann man noch ein Unwort des Jahres vorschlagen? (Statler) Genosse Denunziant (Ingo said) RSS Kommentar-Feed ❘ Trackback-URI ❘ Druckansicht ❘ Beitrag senden […]

  • der Klassensprecher von 1984 sagt:

    Diese „anständigen Linken“ haben mit dem Kommunismus (trotz ständiger Beteuerung) leider eh nix am Hut, sondern vielmehr mit klebriger Moralhuberei, Produktion „antideutscher“ Mistik und filosofischer Befüllung des linken Feuilletons irgendwelcher Wochenblätter.

  • Ich lach mich tot.

  • Ingo Way sagt:

    @ Sheviemididge und Tammeteastese:

    Na Genosse, Langeweile?

  • Scierviet sagt:

    Комплекс текстов неплохой, помещу сайт в закладки.

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