Anne Frank singt jetzt auch

16. Januar 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine Holocaust-Industrie existiert, entgegen anderslautenden Gerüchten, nicht. Wohl aber so etwas wie eine Holocaust-Kulturindustrie. Gemeint sind nicht Versuche, sich der Schoa in Literatur und Film zu nähern, die mal mehr, mal weniger gelungen, aber meistens ehrenwert sind. Eher geht es um Aktionen, in denen sich plakative Museumspädagogik, gutmenschliche Naivität und Lust an der Grenzüberschreitung zu einer unappetitlichen Melange verbinden – vom KZ Auschwitz aus Legosteinen bis zum Holocaust-Mahnmal aus aufgestapelten Brillen.

Ein weniger geschmackloses, aber ebenso penetrantes Ärgernis ist die Musical-Welle, die seit einigen Jahren über das Land rollt und uns in meist eigens errichteten Zelten und Hallen das Phantom der Oper oder das Leben von Udo Jürgens musikalisch näherbringt.

Jetzt drohen beide Phänomene sich zu einem Zangenangriff auf das ästhetische Empfinden zu vereinen: Der spanische Regisseur Rafael Alvero will im (nach einer Eiscreme benannten) Teatro Häagen-Dazs Calderón in Madrid ein Anne-Frank-Musical auf die Bühne bringen. Die Titelrolle spielt die 13-jährige Kubanerin Isabella Castillo. Premiere ist im Februar. Die Anne-Frank-Stiftung hat sich, ist zu hören, nach langwierigen Diskussionen breitschlagen lassen, das Projekt gutzuheißen.

Alvero hat sich vielleicht von Mel Brooks’ Filmklassiker „The Producers“ von 1968 inspirieren lassen, aber dessen Ironie nicht verstanden. Bei Brooks will der notorisch klamme Broadway-Produzent Max Bialystock seine Sponsoren prellen, indem er ein garantiert erfolgloses Stück auf die Bühne bringt – das Nazi-Musical „Frühling für Hitler“. Der Plan geht allerdings nicht auf, das Stück wird wider Erwarten ein voller Erfolg.

Den erhofft sich auch Alvero. Doch was erwartet den Zuschauer? Can-Can-tanzende SS-Männer? Gespräche zwischen Anne Frank und ihrer imaginären Freundin Kitty im Stil von „Mein Freund Harvey“? Oder singt Anne am Ende – man denke an die Kontroverse um den Baum vor ihrem Haus in Amsterdam, der nun gefällt werden soll – den alten Schlager „Mein Freund der Baum ist tot“?

Womöglich verschätzt sich Rafael Alvero aber auch wie Max Bialystock – nur andersherum, sprich, das Stück wird ein Flop. Dann könnte es den Darstellern gehen wie Pia Zadora, die in einer Broadway-Aufführung des Tagebuchs der Anne Frank in den 80er-Jahren die Hauptrolle gab und gründlich in den Sand setzte. Als die Nazi-Schergen auf der Bühne auftauchten, rief ihnen ein entnervter Zuschauer zu: „Sie ist auf dem Dachboden!“ – damit endlich Ruhe war.

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