Adam oder Odo

26. Februar 2008 § Ein Kommentar

Als ich heute Mittag in der Friedrichstraße meinen Verdauungsspaziergang machte, sah ich den Schriftsteller Maxim Biller aus der H&M-Filiale herauskommen, eine H&M-Einkaufstüte in der Hand. Kann er sich keine besseren Klamotten leisten?, fragte ich mich. Zumal im Schaufenster auch noch ein Plakat hing „Heute 20% Rabatt auf gekennzeichnete Artikel“. Doch dann fiel mir ein, daß Biller wegen des literaturfeindlichen Schandurteils des Landgerichts München 50.000 Euro Schmerzensgeld an seine Exfreundin zahlen muß, weil die sich in Billers Roman Esra wiedererkannt hat. Die Ehre, in einem Roman verewigt zu sein, läßt sie sich also auch noch vergolden. Und so ist Biller womöglich derzeit auf Sonderangebote angewiesen.

Hoffentlich läßt er sich von diesem Rückschlag dennoch nicht vom Schreiben abhalten. Seine Esra habe ich seinerzeit gemeinsam mit meiner damaligen Freundin K. gelesen. In der Amerika-Gedenkbibliothek konnte man es nach dem Verbot noch eine Zeitlang ausleihen. Wir lasen das Buch überhaupt nicht als Abrechung oder als öffentliche Schmutzwäsche, sondern als ebenso anrührende wie wahrhaftige Liebesgeschichte, in der der Autor/Erzähler – im Buch heißt er Adam – sich selbst ebensowenig schont wie seine Freundin. Und von einer vergangenen Liebe läßt sich nicht ohne Wut und Zorn erzählen, ohne zu lügen. Unsere eigene Beziehung wurde durch die Lektüre zwar nicht gerettet, aber immerhin bescherte sie uns eine weitere gemeinsame Erinnerung.

Der Zufall wollte es, daß mich mein Weg in die gleiche Richtung führte wie Biller, etwa zweihundert Meter weiter ins Kulturkaufhaus Dussmann. Dort allerdings trennten sich unsere Wege, Biller zog es in die CD-Abteilung, mein Ziel war das Philosophieregal, wo ich zwei Reclam-Bändchen des Philosophen Odo Marquardt erstand, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Dies hat nun wieder seine Stimmigkeit, denn ist nicht neben der Philosophie auch das Schreiben über die Liebe eine Form der Inkompetenzkompensationskompetenz? Ich glaube schon. Und deswegen werde ich als nächstes Billers Kurzgeschichtensammlung Liebe heute lesen.

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