Bilderloses Grauen

17. April 2008 § Ein Kommentar

Hannes Stein macht auf einen gefährlichen blinden Fleck im Bewußtsein der westlichen Öffentlichkeit aufmerksam:

Was entgeht uns, während die ganze Welt … mit dem Krieg gegen den radikalen Islam beschäftigt ist …: Welchen Fehler sind wir gerade jetzt im Begriff zu begehen, der uns im Rückblick geradezu lachhaft offenkundig vorkommen wird, für die Zeitgenossen aber auf seltsame Weise unsichtbar bleibt? …

Wenn ich meinen letzten Silberdollar wetten sollte, was der Menschheit in 50 Jahren … erhebliches Kopfzerbrechen bereiten wird, dann würde ich sagen: der Wiederaufstieg des Sozialismus. …

Dafür gibt es – mindestens – drei Gründe. Erstens hört das Versprechen des Sozialismus nicht auf, verführerisch zu sein. Es ist ja einfach wahr, dass der Kapitalismus außer enormem Reichtum auch soziale Gegensätze produziert; … dass die auf Eigentum basierende Marktwirtschaft sich ideologisch nicht rechtfertigen kann. Sie funktioniert halt, das ist alles. …

Zweitens ermöglichen die sozialistischen Theorien (allen voran der Marxismus) denen, die an sie glauben, ungeheuer viel zu verstehen, ohne dass sie ungeheuer viel studieren müssten. An allem Elend sind im Zweifel die sozialen Verhältnisse schuld. …  Das lästige Herumrecherchieren, das Stochern in banalen Fakten entfällt. (Man darf es als „Positivismus“ sogar von Herzen verachten.) …

Drittens gilt der Sozialismus – im Gegensatz zum Faschismus – als rein und unschuldig. Ich bin nicht sicher, ob in 50 Jahren noch irgendjemand (außer den Juden und den Deutschen) wissen wird, was Auschwitz war. Ich bin aber ziemlich zuversichtlich, dass sich bis dahin kein Mensch mehr an den Archipel Gulag erinnert. Schon heute befindet der Stalinismus sich kaum mehr im öffentlichen Bewusstsein. Der Grund ist simpel: Es gibt kein verbreitetes, kein jederzeit aus dem Gedächtnis abrufbares Bild vom Gulag. Anders als die Bahngeleise, die zur Rampe von Auschwitz führen, ist die Landschaft von Workuta nicht Teil der populären Mythologie. Es gibt nicht einen Hollywoodfilm über den Archipel Gulag …
Es gibt übrigens auch keinen Film über jenen namenlosen Horror, der so nett als „chinesische Kulturrevolution“ bezeichnet wird. Mit anderen Worten: Wer den Nazis sein „Nie wieder!“ entgegenschmettert, kann auf einen reichen Fundus von historischen Reminiszenzen zurückgreifen. Wer den sozialistischen Nostalgikern mit einem „Nie wieder“ begegnen will, hat lediglich das dünne Bewusstsein von irgendetwas Ungutem auf seiner Seite. Auf wie vielen Bücherregalen dieses Planeten stehen denn die Bücher von Alexander Solschenizyn und Robert Conquest?

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