Wie Harry Rowohlt einmal keine Kritik vertrug

23. Juni 2008 § 18 Kommentare

Vor kurzem schrieb ich eine Rezension zu Budd Schulbergs sehr lustigem Hollywoodroman What makes Sammy run? von 1941, die auch in der Jüdischen Allgemeinen erschien. Anlaß war der Umstand, daß dieser amerikanische Klassiker nach beinahe 70 Jahren erstmals auf deutsch erschienen ist. Die Übersetzung stammt von Harry Rowohlt. Während ich die Übersetzung im großen und ganzen lobte:

Bewährter Übersetzer angelsächsischer Hochkomik, der er ist, hat Rowohlt auch hier eine stilistisch ansprechende und genußvoll zu lesende Arbeit abgeliefert.

merkte ich allerdings auch an:

Doch an manchen Stellen holpert die Übersetzung. … Wenn der Hays Code, das Hollywood-Richtlinienwerk für (oder besser gegen) die Darstellung sexueller oder gewalttätiger Inhalte, als „Freiwillige Selbstkontrolle“ wiedergegeben wird, klingt das doch arg bundesrepublikanisch. Schwächen hat auch die Übertragung amerikanischer Slangausdrücke. Wenn Sammy, ganz Kind der Gosse, „I’m gonna“ sagt, statt „I’m going to“, ist das deutlich und markant. Wie blaß ist dagegen Rowohlts „Ich wer“, statt „Ich werde“. Auch die doppelte Verneinung erleidet auf ihrem Weg ins Deutsche Schaden. „I don’t owe you nothing“ klingt authentisch. Aber wer, bitte, sagt „Ich schulde Ihnen nichts nicht“?

Doch die Herausstellung dieser – von mir explizit so bezeichneten – Schönheitsfehler konnte nun wiederum Harry Rowohlt nicht auf sich sitzen lassen. Und so schrieb er mir:

Zählt man die Retourkutsche einmal als Punkt für Rowohlt – bei mit schrillen die Anglizismusglocken eher im umgekehrten Falle, wenn etwa die Formulierung he’s a catholic mit „Er ist ein Katholik“ wiedergegeben wird, statt, wie es im Deutschen üblich ist, „Er ist katholisch“, weshalb ich es eher für Geschmacksache halte, ob es sich bei der genannten Textstelle (die tatsächlich nicht von Rowohlt übersetzt wurde, was ich aber auch nicht behauptet habe, sondern von mir, der ich aber immer noch glaube, daß in einer literarischen Übersetzung höhrere Sorgfalt walten sollte als in einer schnöden Rezension) um einen abscheulichen Anglizismus handelt oder nicht –, zählt man sie aber als Punkt, so bleibt doch meine Detailkritik davon unberührt. „Freiwillige Selbstkontrolle“ für den Hays Code, ich bitte Sie! Der Übersetzer und Übersetzungstheoretiker Dieter E. Zimmer traf einmal die Unterscheidung zwischen Sprachtatsachen und Kulturtatsachen:

Sprachtatsachen werden übersetzt, Kulturtatsachen nicht. (So) daß ein guter Übersetzer einerseits lucky dog (eine Sprachtatsache) nicht mit glücklicher Hund übersetzen wird, sondern mit Glückspilz; daß er andererseits den Tee, den man in England zum Frühstück trinkt (eine Kulturtatsache), nicht in Kaffee verwandeln wird, sein deutsches Pendant.

Diese Unterscheidung wendet Rowohlt etwa in seiner Kritik an der Ulysses-Übersetzung von Hans Wollschläger an, deren Mißratenheit er unter anderem daran festmacht, daß Wollschläger a pint of stout mit „eine Pinte Bier“ wiedergibt. Weiß doch jeder regelmäßige Trinker und Irlandreisende, daß ein pint ein pint ist und keine „Pinte“, denn diese ist eine Kneipe.

Dennoch hatte Wollschläger völlig recht damit, pint als Pinte zu übersetzen. Denn das deutsche Wort für die Maßeinheit pint ist – Pinte. Diese alte Maßeinheit – eine Pinte sind zwei Schoppen – war in Deutschland während des 19. Jahrhunderts noch gebräuchlich und im Jahr 1904, in dem der Ulysses spielt, noch wohlbekannt. Wenn Wollschläger die Dialoge der Figuren im Sprachhorizont eines deutschen Sprechers derselben Zeit wiedergibt, ist es durchaus folgerichtig, sie von einer „Pinte Bier“ sprechen zu lassen. Das pint ist hier eine Sprachtatsache, die zu übersetzen ist. (Kulturtatsachen verletzt zum Beispiel Erich Fried in seiner Dylan-Thomas-Übertragung, wo das pint zum „Seidel“ wird.)

Für Rowohlt gehört auch das pint zu den Kulturtatsachen. Das kann man so sehen. Dann aber ist der Hays Code erst recht eine. Denn der bezeichnet ein ganz konkretes Richtlinienwerk für die amerikanische Filmwirtschaft, dessen Einhaltung im übrigen so freiwillig nicht war, während die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) ein wiederum ganz konkretes Gremium in der Bundesrepublik Deutschland ist. Zwei völlig unterschiedliche Kulturtatsachen. Jenen Ausdruck mit diesem wiederzugeben ist auch keine, womöglich verzeihliche, Schluderei, sondern eine ganz bewußte Entscheidung, die der Rezensent getrost kritisieren mag, denn das ist ja schließlich seine Aufgabe.

Da sind wir bei Rowohlts leicht verschnupfter Frage angelangt „Was hätten Sie denn geschrieben?“ Der Witz ist, daß ich gar nichts hätte schreiben müssen. Das Übersetzen ist Rowohlts Job, meiner das Rezensieren. Der Kritiker muß es nicht besser können, und auch der Musikkritiker, der seiner Enttäuschung darüber Ausdruck verleiht, daß der gefeierte Tenor manchen Ton nicht trifft, muß anschließend nicht zum Vorsingen. Ich könnte auf die Frage somit gelassen antworten: „Auf jeden Fall nicht ,Ich schulde Ihnen gar nichts nicht.'“ Denn I don’t owe you nothing ist ein authentischer Ausdruck der Umgangssprache, wie er in bestimmtem Milieus tatsächlich benutzt wurde oder noch wird, während die Rowohlt’sche Variante ein Produkt des Schreibtischs ist, das diesen nie verlassen wird. Das stört beim Lesen, und wenn es einem derart gefeierten Star-, ja geradezu Kultübersetzer, der weit und breit nur Fans zu haben scheint, unterläuft, stört es noch einmal besonders.

Aber wenn ich schon gefragt werde, will ich auch nicht so tun, als sei die Aufgabe unlösbar. Der in Frage stehende Ausdruck dient dazu, Sammys Herkunft aus einem wenig bildungsbürgerlichen Umfeld kenntlich zu machen, und da ist die doppelte Verneinung nicht unbedingt zwingend. So könnte er etwa auch sagen: „Ich tu Ihnen gar nichts schulden.“ Sein leicht genervter väterlicher Freund Al Manheim könnte ihn dann ermahnen: „Sag nicht immer ,ich tu'“. Will man die doppelte Verneinung aber erhalten, so böte sich zum Beispiel an: „Niemandem schulde ich gar nichts – schon gar nicht Ihnen“, so daß die beiden Verneinungspartikeln wenigstens nicht unmittelbar aneinanderstoßen. Das sind nur unbehauene Vorschläge, keine Lösungen, mit denen ich völlig glücklich wäre, aber immer noch besser als die von Rowohlt gewählte Variante.

Wenn dieser sich allerdings fortan als Ingo-Way-Schüler bezeichnen möchte, so hätte ich natürlich nichts dagegen.

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§ 18 Antworten auf Wie Harry Rowohlt einmal keine Kritik vertrug

  • Felix sagt:

    Es zeugt jedenfalls von wenig Größe, derart ungestüm auf einen Kritiker zu reagieren, zumal dieser auch noch Recht hat.

  • M. Möhling sagt:

    Ich hatte stets den Verdacht, dass mit dem nicht gut Kirschen Essen ist. Rauschebärte sind oft dreiviertel Mimosen, selten ganze Kerle.

  • Ingo Way sagt:

    Marek, Du willst hier doch wohl nicht etwa der Pogonophobie das Wort reden?!

  • lisa sagt:

    Dein Übersetzungsvorschlag ist wirklich sehr gut. Da kann Harry Rowohlt trotz seiner Verdienste wirklich noch was lernen. Danke für das Irland-Video. Schade dass Du nicht mir mir Fußball gucken willst🙂

  • Ingo Way sagt:

    Zum Glück ist die EM ja bald vorbei. Dann werden meine Freunde, die zu Fußballfans mutiert sind, wieder normal, und ich kann die Barrikaden vor meiner Wohnungstür beiseite schaffen und wieder ins Freie treten.

  • lisa sagt:

    Entspann Dich, lieber Ingo: Es ist doch nur ein Spiel!

  • Ingo Way sagt:

    Habe ich ja auch immer gedacht, aber spätestens seit der letzten WM habe ich da meine starken Zweifel.

  • M. Möhling sagt:

    > Es ist doch nur ein Spiel!

    Spocht? Kann ich auch. Darf ich dabei unangenehm werden? Danke, ok.

    Freitag, CRO:TUR 1:3. Drei junge türkdeutsche Herren kommen dem Berichterstatter in SO36 entgegen und sehen ihn Döner mampfen. „DER DÖNER HAT GEWONNEN!!“ brüllt es ihm nicht ohne Mutterwitz entgegen, allerdings war Widerspruch ausweislich Körpersprache und Lautstärke nicht ratsam, deswegen Punktabzug. Viel später ein Gruppe von Jungs und Mädels – besonders das hysterische „TURKIYE“-Gekreische der Damen ging ins Mark. Plötzlich brüllt es ein, zwei Minuten lang „DEUTSCHLAND, DEUTSCHLAND“. Auf irritierte türkische Fragen hieß es dann mit 150 Dezibel: „WIESO, DIE SOLLEN AUFWACHEN, DIE SCHWEINE“. Noch lauteres „TURKIYE“-Gekreische der Damen. Pretty much sums it up. Soweit zur türkisch/deutsch-wimpelnden Völkerfreundschaft.

    Der Fairness halber dies von der WM: Armer Mensch kommt an einigen jugendlichen deutschen Fans vorbei. Der Benjamin der Gruppe, mit dem wegen Kleinwuchses und nur eingeschränkt imposanter Männlichkeit vielleicht keiner Brüllen mochte, erspäht den Menschen, und richtet seine „DEUTSCHLAND!“-Rufe jetzt in dessen Richtung, mit Hundeblick von schräg unten nach oben. (Mensch fragt sich, ob Gollum wohl auch Fußball guckt.) Der enragierte Zwerg grinst dabei devot – freudig, aber lauernd, mit unbestimmt(?) erhobenem rechten Arm. Jetzt „DEUTSCHLAND!“ mit werbender Sprachmelodie, als Frage am Ende steigend gedehnt. Auf eisiges Starren -und ausbleibende Antwort- kommt umgehend eine Fluchkanonade, Wi…r, A….loch, etc. Gottseidank sitzt der Mensch schon auf dem Rad.

    Nicht eklig genug? Dann dies: Arkona-Platz, juveniles Mitte-Publikum unter freien Himmel vor Fussi-Kneipe am Holztisch, Bionade und Pils. Er zu Tussi: Du, ich überleg mir, ob ich mich einen Monat arbeitslos melde, ich habe mit ***** schon einen Flug in die Staaten gebucht… Danach guck ich mal, irgendwas schreiben, ich kenn‘ ja auch ***** vom ZDF, da wird sich was finden. Die Tussi arbeitet übrigens für die Bildzeitung. Beide quatschen ununterbrochen eklig Dummes, Fussi wird geguckt, weil’s die Bezugsgruppe halt cool findet.

    That said: Geglotzt wird trotzdem! We’ll never walk alone!

  • lisa sagt:

    Ja, wohl wahr: man teilt die Freude am Fußball mit vielen unsympatischen Zeitgenossen. Deshalb guck ich ja auch zuhause in meinem Kämmerchen. Also viel Spaß heute abend: Möge der Bessere gewinnen!

  • Jill sagt:

    Da ich weiß, daß Herr Rowohlt offline ist, habe ich ihm diesen Blogeintrag gefaxt.
    Ich habe jetzt ein Fax zurückbekommen, das aber nicht mir gilt, sondern an Ingo gerichtet ist.
    Ich würde es einscannen und mailen, wenn ich wüßte wohin..

  • LePenseur sagt:

    Nun, als Österreicher fällt einem für das umgangssprachliche „I don’t owe you nothing“ selbstverständlich eine Lösung ein:

    „Kan Kreuzer schuld‘ i Ihna net!“

    Aber ich weiß natürlich nicht, wie das auf „piefonistanisch“ übersetzt heißen würde (bzw. überhaupt so existiert). Und einen jüdischen Ami-Rabauken auf einmal alpenländisch sprechen zu lassen hätte zwar einen unleugbar komischen Effekt (man erinnere sich an die umwerfend komische Szene im Film „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“, wo die beiden Südstaatenneger auf einmal urbayrische Laute von sich geben).

  • […] von Getreuen abkalligraphieren und per Postkutsche zustellen. So daß seine Antwort auf meinen Blogeintrag über seine Reaktion auf meine Rezension seiner Budd-Schulberg-Übersetzung (ach, lesen Sie’s […]

  • ElComandante sagt:

    Bekommt man die Antwort des Bärtigen auf diesen Blogeintrag noch zu lesen?

  • Jörg Karau sagt:

    Es ist beruhigend zu wissen, daß es außer mir noch andere Menschen gibt, die an Rowohlts Übersetzungs-künsten etwas auszusetzen finden. Dazu erlaube ich mir, auf meine „Bemerkungen zur ‚Pooh‘-Übersetzung“ (auf meiner Website joergkarau-texte.de) hinzuweisen, wo seine wohl berühmteste Übersetzung gewürdigt wird.

  • Heidi sagt:

    Leute. Ist ja alles ganz nett und ich bin sprachlich auch sehr interessiert. Und lese gerade die Rowohltschen Briefe als Buch und mache mir so meine Gedanken. Freue mich über die intellektuelle Nabelschau bei sich und bei anderen. Aber setzt Euch dann doch mal bei Gelegenheit gedanklich auf den Mond – nein, lasst es einfach nur den Mount X sein – und schaut runter und umher und relativiert mal dieses pfauische Gehabe, dieses Rechthabenwollen, dieses Versuchen, immer noch ein Stück größer zu sein als der/die andere. Es ist WICHTIG und UNWICHTIG, es ist alles UND nichts – was wir hier auf Erden betreiben, versteht Ihr? Gruß von einer Sekretärin.

  • Jörg Karau sagt:

    Ja doch, Heidi, wir verstehen. Aber Sie als sprachlich sehr Interessierte sollten eigentlich verstehen, daß Erörterungen sprachlicher Probleme – ob bei Übersetzungen oder wo auch immer – mehr zum Wichtigen als zum Unwichtigen gehören, wie ich auch überzeugt bin, daß Sie z.B. Ihre Arbeit als Sekretärin nicht ganz UNWICHTIG und ihre Ergebnisse nicht als NICHTS einschätzen. Und von pfauischem Gehabe bei der Bewertung Rowohltscher oder anderer literarischer Erzeugnisse kann nun wahrhaft keine Rede sein. Übrigens sind das wirkliche Problem nicht die Mängel bei Rowohlt, sondern deren uneingeschränktes Lob durch sprachverlassene Huldiger.

  • N.N. sagt:

    Ich lese englische Literatur idR im Original, weswegen ich mich in der Übersetzerszene nicht besonders auskenne. Unlängst hatte ich aber in einer Anthologie Auszüge aus einem von Rowohlt übersetzten Werk (David Sedaris, Holidays on Ice) gelesen, dass mich, vorsichtig gesagt, nicht vom Hocker gehaut hat. Es wimmelt nur so vor holprigen Formulierungen, schlecht übersetzten Redewendungen ( … eine schwere Schlacht vor sich hat, noch dazu bergauf = an uphill battle) und Wortspielen ( … „Crack Baby“, weil er einen vom Hereinbrechen der Dämmerung bis Tagesanbruch [offenbar: crack of dawn] weckt …)

    Insgesamt wurden meine Vorurteile gegen Literaturübersetungen von Hrn. Rowohlt eindrucksvoll bestätigt.

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