Wie Naomi Wolf einmal das Kopftuch als Fetisch entdeckte

9. September 2008 § 4 Kommentare

Und wieder macht sich eine feministische Autorin daran, die Verwandtschaft zwischen feministischer und islamistischer Sexualmoral zu beweisen und zu begrüßen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Genderforscherin Christina von Braun beklagt, daß die Beschäftigung mit der Unterdrückung der Frauen in islamischen Gesellschaften nur davon ablenken will, daß Frauen im Westen eigentlich viel schlimmer unterdrückt werden – durch Sexualisierung und Schönheitskult. Jörg Lau berichtete damals in seinem Blog. Laus sarkastischer Kommentar:

Ich finde allerdings, man sollte das konsequent zuende denken: Nur das Kopftuch – nein, der Vollschleier, kann die Frau davor beschützen, zum Sexualobjekt degradiert zu werden, wie es im Westen gang und gäbe ist. Der Westen (i.e. der verhasste westliche Mann) mit seinem Fortschrittglauben und seinen kolonialen Eroberungen will nun auch noch die muslimische Frau befreien (und so genannte Feministinnen helfen ihm dabei!): Denn die muslimische Frau mit Kopftuch ist der letzte noch nicht kolonialisierte Flecken dieser Erde! Unterm Dirndl wird gejodelt, doch unterm Schleier wächst der Widerstand!

Jetzt hat es jemand konsequent zuende gedacht, und zwar Naomi Wolf – ja, genau die Naomi Wolf, die vor vier Jahren den damals schon schwer kranken Literaturwissenschaftler Harold Bloom öffentlich demütigte, indem sie ihm im New York Magazine vorwarf, er habe sie 20 Jahre zuvor sexuell belästigt und traumatisiert, indem er ihr eine Hand auf den Oberschenkel gelegt habe. (So sieht der mutige Kampf gegen das westliche Patriarchat aus.)

Heute stellt DIE WELT Wolf die Frage

Ist und bleibt der Schleier ein Symbol für die Unterdrückung von Individualität und Sexualität? Oder dient der Schleier muslimischen Frauen in Wahrheit als subtiles Instrument der Verführung?

Die Pointe kann an dieser Stelle schon verraten werden: Es ist alles ganz genau andersherum, als man das sich das so vorstellt; Schleier und Tschador sind Ausdruck von Freiheit und sexueller Selbstbestimmung, und die vermeintliche Freiheit im Westen nur ein umso perfideres System zur Unterdrückung der Frau.

Angeklagt auch diesmal: die böse Islamophobie:

Ideologische Schlachten werden häufig unter den Emblemen von Frauenkörpern geschlagen, und die westliche Islamophobie macht dabei keine Ausnahme. … Als die Amerikaner auf den Einmarsch in Afghanistan vorbereitet wurden, wurden die Taliban dafür dämonisiert, dass sie den Frauen Kosmetika und Haarfärbemittel versagten; nach dem Sturz der Taliban verwiesen westliche Journalisten häufig darauf, dass viele Frauen ihr Kopftuch abgelegt hätten.

Wie kann man auch nur auf die Idee kommen, die Taliban zu dämonisieren – gibt es im postmodernen Denken schließlich kein Gut und Schlecht, schon gar kein Böse, kein Richtig und Falsch – und in diesem Falle auch noch für etwas, das ausdrücklich zu begrüßen ist – denn wer braucht schon Kosmetika und Haarfärbemittel?

Doch der Westen macht wieder mal alles falsch:

Der Westen deutet das Tragen des Schleiers als Unterdrückung der Frau und ihrer Sexualität. Doch als ich auf meinen Reisen in muslimische Länder eingeladen wurde, mich an Gesprächen in dem in muslimischen Haushalten allein den Frauen vorbehaltenen Umfeld zu beteiligen, stellte ich fest, dass die muslimische Einstellung bezüglich des äußeren Erscheinungsbildes und der Sexualität von Frauen ihre Wurzeln nicht in der Unterdrückung hat, sondern in einem starken Sinn für die Unterscheidung zwischen Öffentlichem und Privatem und für das, was Gott, und das, was dem Ehemann geschuldet ist.

Und der Sinn dafür, was diesen beiden Herren geschuldet ist, soll schließlich nicht verlorengehen.

Es ist nicht so, dass der Islam die Sexualität unterdrückt, sondern dass er einen ausgeprägten Sinn dafür hat, sie in die ihr angemessenen Bahnen zu lenken – in Richtung der Ehe, der Bande, die das Familienleben stützen, und der Beziehungen, die das Zuhause absichern.

So erfährt man en passant, was eine amerikanische Feministin für die angemessenen Bahnen der Sexualität hält: Ehe, Familie, Sicherheit. In der Tat, da sind wir im Westen inzwischen ein wenig lockerer geworden – und das ist auch gut so.

Außerhalb der Wände jener typischen muslimischen Haushalte, die ich in Marokko, Jordanien und Ägypten besuchte, war alles auf Sittsamkeit und Schicklichkeit ausgerichtet. Im Inneren jedoch waren die Frauen an Reizen, Verführung und Vergnügen interessiert wie Frauen überall auf der Welt. … Doch werden Vergnügen und Sexualität, von Männern wie von Frauen, nicht leichtfertig und in womöglich zerstörerischer Weise vor aller Augen zur Schau gestellt.

Kommen sie nicht bekannt vor, die Warnungen vor Leichtfertigkeit und die Angst vor der zerstörerischen Kraft der Sexualität? Klingen sie nicht irgendwie nach Tante Frieda?

Tatsächlich fühlten sich viele muslimische Frauen, mit denen ich sprach, durch Tschador oder Kopftuch in keiner Weise unterjocht. Im Gegenteil, sie fühlten sich befreit vom von ihnen als zudringlich, sie zur Ware machend, in erniedrigender Weise sexualisierend empfundenen westlichen Starren. Viele Frauen äußerten in etwa Folgendes: „Wenn ich westliche Kleidung trage, starren die Männer mich an, machen mich zum Objekt oder ich selbst messe mich immer am Standard der Models in den Zeitschriften, dem man nur schwer gerecht werden kann …“

Spätestens an dieser Stelle fragt sich der geneigte Leser, ob das wirklich die Gedanken jener anonymen Frauen sind, die Wolf getroffen haben will, oder ob sie ihnen nicht ihre eigenen Ängste und Ressentiments in den Mund legt. Darin liegt auch ein gutes Stück Koketterie: Wir Frauen sehen dermaßen umwerfend aus, daß wir permanent angestarrt werden, wenn wir uns nicht verhüllen. Und schon gar nicht mehr hören kann ich das Gejammer über den Standard der Models in den Zeitschriften, dem frau sich angeblich zu unterwerfen hat. Dagegen gibt es zwei Strategien: Erwachsenwerden und das Ausbilden psychischer Binnensteuerung. Dann wird auch nicht mehr jedes Plakat mit einem sexy Unterwäschemodel als Bedrohung des eigenen Selbst und als unausweichliche Manipulation erlebt.

Doch die Ablehnung westlicher Kleidung

mag sich nicht in traditionellen westlichen feministischen Bildern äußern, deckt sich jedoch mit erkennbar westlich-feministischen Gefühlen.

Denn im Feminismus geht es, wie wir lernen, nicht um Analyse, sondern um Gefühle.

Ich habe es selbst erlebt, als ich für einen Besuch des Basars in Marokko Salwar Kamiz und Kopftuch angelegt habe. … während ich mich auf dem Markt bewegte – die Rundungen meiner Brüste bedeckt, die Form meiner Beine unkenntlich gemacht, ohne dass mein langes Haar um mich herumwirbelte –

(Was habe ich vorhin zum Thema Koketterie gesagt?)

empfand ich ein ungekanntes Gefühl von Ruhe und Gelassenheit. Ich fühlte mich tatsächlich in gewisser Weise frei.

Es fragt sich, was Naomi Wolf eigentlich will. Wenn sie diese Form von Freiheit öfter genießen möchte, steht es ihr offen, jederzeit ein Kopftuch oder sogar den Tschador zu tragen, wenn sie nicht gerade Lehrveranstaltungen an einer staatlichen Bildungseinrichtung abhält. Doch niemand verbietet es ihr, so angezogen durch eine amerikanische oder europäische Großstadt zu laufen, wenn sie glaubt, nur auf diese Weise ihre Würde und Freiheit bewahren zu können. Was will sie noch? Natürlich, sie will, wie alle Linken, eine gesamtgesellschaftliche Lösung:

Wenn Sexualität privat bleibt und in Bahnen gelenkt wird, die als heilig gelten – und wenn der Mann die eigene Frau (oder andere Frauen) nicht den ganzen Tag über halb nackt sieht – kann ein Gefühl von großer Kraft und Intensität spürbar werden, wenn in der Unverletzlichkeit der eigenen vier Wände Schleier oder Tschador fallen.

Und es lohnt, sich die positiven Erfahrungen bewusst zu machen, die Frauen – und Männer – in Kulturen erleben können, wo die Sexualität konservativer ausgerichtet ist.

Solche positiven Erfahrungen machen sicher zuvörderst die Schwulen und Lesben, deren Bahnen nicht als heilig gelten – sowie all diejenigen, die zwangsverheiratet wurden, die Frauen, die ihren Ehemann nicht lieben, die Männer, die mangels finanzieller Mittel überhaupt nicht heiraten können und zu permanenter sexueller Frustration verurteilt sind, und natürlich jene, die sich sexuelle Erfüllung auch jenseits von Ehe und Familie vorstellen können.

Wenn Sie – in einer westlichen Kultur, in der Frauen nicht derart frei sind, zu altern, als Mütter, Arbeiter oder spirituelle Wesen anerkannt zu werden oder sich über die Vorgaben der Madison Avenue hinwegzusetzen – Ihre eigenen Miniröcke und Trägertops auswählen, lohnt es sich, auf nuanciertere Weise darüber nachzudenken, was es wirklich mit der Freiheit der Frau auf sich hat.

Ja ja, die Madison Avenue, diese Zentrale der misogynen Weltverschwörung, über deren Vorgaben sich Frauen schlechterdings gar nicht hinwegsetzen können, selbst wenn sie’s wollten, und die es Frauen unmöglich macht, in Würde zu altern, wie sie’s nur unterm Tschador könnten – reicht es da wirklich, wie Naomi Wolf zu sagen:

Es ist alles eine Frage der freien Entscheidung.

oder braucht es da nicht doch ein kleines bißchen Kulturrevolution, da es mit der freien Entscheidung hier im Westen ja ohnehin nicht weit her ist?

Jörg Laus Fazit zu Christina von Braun gilt auch für Naomi Wolf:

Magersucht und Kolonialismus – dagegen hilft nur Totalverschleierung.
Freiheit ist Sklaverei, Anpassung ist Widerstand, Kopftuchtragen ist der wahre Feminismus! Das Kopftuch ist der Aufstand gegen die Eroberungslust des westlichen Mannes!
Scheich Karadawi, übernehmen Sie!

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§ 4 Antworten auf Wie Naomi Wolf einmal das Kopftuch als Fetisch entdeckte

  • taylor1944 sagt:

    Bisher war es ein schöner Morgen. Kannst Du Deine Leser nicht vorwarnen, bevor Du Ihnen Naomi Wolf auf die Augen haust? Die Frau ist eine einzige Zumutung.

  • n.n. sagt:

    zu naomi wolf.
    ich habe sie mal kennengelernt. sie ist die nichte der ehefrau eines arbeitgebers fuer den ich als freier mitarbeiter laengere zeit gearbeitet habe.
    ich habe wirklich nie mehr so ein selbtbewusstsein und so eine self-referentiality gesehen. zu dem punkt, dass man den eindruck gewinnt, diese person lebt in einer eigenen welt.
    verstoerend geradezu.

  • Eloman sagt:

    Dann soll die Schnecke doch nach Saudi-Arabien auswandern und da in einem beliebigen Harem verschwinden. So werden wir wenigstens nicht mehr von ihren schwachsinnigen Ergüssen belästigt.

  • menschenrechte sagt:

    By the way … das könnte, lieber Ingo, dich und deine Leserschaft interessieren:

    Mina Ahadi und Ralph Giordano sprechen in der Uni Düsseldorf am Freitag, den 30. Januar um 16.00 Uhr zum Thema Kopftuch und Schule (Schülerinnenkopftuch!).

    Quelle: Ex-Muslime, Düsseldorf Blog, hpd, Rowzane usw.

    http://menschenrechte.wordpress.com/2009/01/24/podiumsdiskussion-in-dusseldorf-am-30012009-mit-mina-ahadi-und-ralph-giordano/

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