Ein Nachruf auf Katharina Rutschky

16. Januar 2010 § 2 Kommentare

Diese Frau ist gefährlich, hatte es geheißen, damals, Anfang und Mitte der neunziger Jahre. Da wagte es doch tatsächlich jemand, noch dazu eine Frau, dem Wahngebilde vom allgegenwärtigen und epidemischen Kindesmißbrauch, das sich an Universitäten, in Feuilletonredaktionen und Familienministerien ausgebreitet hatte, Fakten entgegenzusetzen. Katharina Rutschky legte sich mit Feministinnen an, für die Sex und Vergewaltigung mehr oder weniger das gleiche waren, und ließ in ihrem Buch Erregte Aufklärung den aufgeblähten „Dunkelziffern“ über sexuelle Gewalt, die Vereine wie Wildwasser oder Zartbitter in die Welt gesetzt hatten, um ihre Existenz zu rechtfertigen, die Luft ab.

Das konnten die entsprechenden Milieus nicht auf sich sitzen lassen. Flugs wurde Rutschky als „Täterschützerin“ diffamiert. Als sie an der FU Berlin einen Vortrag halten wollte, wurde sie von aufgebrachten „FrauenLesben“ tätlich angegriffen und gewürgt. Weil sie Gewalt gegen Frauen und Kinder verharmlost habe.

Eine Podiumsdiskussion auf dem Hamburger Kirchentag 1995 zum Thema Film und Gewalt hatte ich nur deshalb besucht, weil Katharina Rutschky als Rednerin angekündigt war. Im Abaton-Kino sprachen dann zwar Micha Brumlik, Mariam Lau und Dietrich Kuhlbrodt über Zensur und Postmoderne, Schlingensief und Natural Born Killers und über diesen Tarantino, von dem jetzt alle redeten. Rutschky indes hatte ihre Teilnahme abgesagt, wie es hieß, oder sie war ausgeladen worden, weil rechtschaffene Linke – passend zum Thema – gedroht hatten, man werde ihr Erscheinen auf dem Kirchentag mit Gewalt zu verhindern wissen.

Dabei mußte jedem, der ein wenig über sie und ihre Arbeit wußte, klar sein, wie absurd die Vorwürfe waren. In ihrem Buch Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, das sie 1977 veröffentlichte, versammelte sie pädagogische Texte aus dem 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, aus denen deutlich wird, wie Kinder mit Drohungen, Gewalt und Repression zugerichtet und eingeschüchtert, ihres Willens, ihrer Würde und ihrer Sexualität beraubt wurden. Immer aus den hehrsten pädagogischen Prinzipien. Die Psychoanalytikerin Alice Miller griff den von Rutschky geprägten Begriff „Schwarze Pädagogik“ in ihren eigenen Arbeiten auf.

Rutschkys Erregte Aufklärung las ich mit größtem Vergnügen – und fortan alles, was mir von ihr unterkam: ihre verstreuten Essays und Buchrezensionen in der Berliner Zeitung, der taz, der Welt, der Frankfurter Rundschau und im Merkur des freundlichen Kurt Scheel. Es waren nicht nur die Themen, es war vor allem der Stil, der mich für sie einnahm, diese ganz selbstverständliche Intellektualität, die ohne jedes Angeber- und Terminologiereitertum auskam, die für eine urbane Debattenkultur stand, der es um Klarheit und Redlichkeit und letztlich auch um Toleranz geht. Katharina Rutschky konnte polemisch sein, aber der Wunsch nach Vernichtung des Gegners, der viele der heute gefeierten Berufspolemiker auszeichnet, ging ihr gänzlich ab.

1999 legte sie sich in Emma und ihre Schwestern noch einmal auf sehr unterhaltsame Weise mit dem Feminismus an. Rutschkys Grundimpulse waren Freiheit und Unabhängigkeit, ihre natürlichen Feinde all jene, die glauben, anderen Menschen vorschreiben zu müssen, wie sie zu leben haben. Die fand sie unter Linken und Feministinnen, aber auch bei konservativen Benimmbuchautoren und Anhängern der „Neuen Bürgerlichkeit“. In einem Gespräch mit dem Komiker Bastian Pastewka über Spießigkeit sagte sie:

„Wenn man das Wort benutzt, hat man ja ein gewisses Ressentiment gegen jemanden. Und ich habe eher ein Ressentiment gegen Überheblichkeit oder Dünkel. Vor allem gegen Menschen, die glauben, sie hätten feines Benehmen oder kämen aus feinem Haus. Ich erinnere mich an eine Szene, da war ich in einen Salon eingeladen und trug einen karierten Rock und eine Batist-Bluse. Das war, zugegeben, schon etwas problematisch, was ich da anhatte. Aber dann schaute mich eine der Gastgeberinnen an und sagte: „Also Katharina, so geht’s aber nicht.“ Und da war ich schon dreißig. Wir waren uns gar nicht so nah. Wenn eine Freundin das sagt oder mein Mann, dann ist das was anderes. Aber in einem Salon, wo ich Gast bin, da fühle ich mich dann als Kind aus dem Kohlenkasten. Das finde ich spießig, das ist das kleinlich Herzlose, Leute, die sich nicht vorstellen können, dass es andere gibt, die nicht mit dem goldenen Löffel geboren sind. Da krieg ich Hassgefühle.“

Daß ich Katharina Rutschky viele Jahre später dann doch noch persönlich kennenlernte, verdanke ich besagter Mariam Lau, die zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen hatte. Katharina und Michael Rutschky kamen in Begleitung eines grauen, strubbeligen Bündels, das sich als ein Cockerspaniel namens Pelo herausstellte. Rutschky war viel kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte, wirkte zerbrechlich und war gleichzeitig völlig präsent, zudem auf eine Weise mondän und damenhaft, die mich an Gemälde der Neuen Sachlichkeit erinnerte. Es war kurz nach der Bundestagswahl 2005, sie war auf Merkel gar nicht gut zu sprechen, ihre linke Grundhaltung hatte sie immer beibehalten.

Wir unterhielten uns kaum über Politik, ein wenig über Evolutionstheorie, aber vor allem über Film. Im Theater seien sie seit Jahren nicht mehr gewesen, sagten die Rutschkys, aber ihre Leidenschaft für den Film sei ungebrochen. Fast jeden Abend sähen sie sich einen Film an, oft im Kino, meist auf DVD. Wir sprachen über Serien wie 24, Die Sopranos oder Rome, für die die DVD das adäquate Medium ist – die beiden waren große Sopranos-Fans -, und lästerten über deutsche Schauspieler, die es in Hollywood nicht geschafft haben und ihre Rückkehr nach Deutschland zur bewußten Entscheidung gegen amerikanischen Kommerz und für das deutsche Kunstkino verklärten. Katharina Rutschkys Bemerkung über den Hintern einer Schauspielerin aus dem Umfeld der Berliner Schule hätte grob gewirkt, hätte sie irgendein anderer ausgesprochen. Aus ihrem Mund klang sie beinahe zärtlich.

Am Ende des Abends nahmen mich Katharina und Michael Rutschky in ihrem Wagen nach Kreuzberg mit, wo sie mich an der U-Bahnstation Mehringdamm absetzten. Während der ganzen Fahrt streichelte Katharina Rutschky den auf ihrem Schoß eingeschlafenen Pelo, den sie offensichtlich wie ein Kind liebte.

Einmal bin ich ihr danach noch begegnet, auf dem Kongreß der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung im Berliner Hotel Maritim. Der Psychoanalyse hatte sie die gleiche unzeitgemäße Treue gehalten wie ihrer 68er-Zeit. Wir liefen einander im Foyer über den Weg, sie war gerade unterwegs zu einem Vortrag von Margarete Mitscherlich, wir plauderten ein wenig und ich fragte sie, ob sie an einem neuen Buch schreibe. Sie lächelte auf ihre schelmische Weise und sagte, sie arbeite gerade tatsächlich an einer größeren Sache, ich müsse mich aber noch eine Weile gedulden, verraten könne sie noch nichts.

Ich weiß nicht, was aus diesem Buch geworden ist. Ich würde es gerne lesen. Aber vermutlich werde ich das nicht mehr können. Katharina Rutschky ist in der Nacht zum Freitag wenige Tage vor ihrem 69. Geburtstag nach schwerer Krankheit gestorben.

Ich bedaure es jedesmal, wenn ein Autor, den ich schätze, nicht mehr lebt. Doch dieses Mal bin ich wirklich traurig.

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§ 2 Antworten auf Ein Nachruf auf Katharina Rutschky

  • Georg sagt:

    Abgesehen vom inzwischen Standard gewordenen Hauen auf „rechtschaffene Linke“ (damit will ein Autor meist seine ungeheure Sprachkunst beweisen, oh, ah, Postmoderne, wir haben verstanden – aber mehr als Verblasenheit kommt dabei nicht raus, und eine neue Art Minderheiten-„bashing“) – ein sehr schöner Beitrag. Ich habe an der Uni Heidelberg, bevor die Uni von einer Institution des Wissens zu einer Paukschule herunterkam, sehr viel ältere Studentinnen getroffen, die die „Schwarze Pädagogik“ oft und genau gelesen hatten. Auch Micha Brumlik, damals ein linker Professor, sprach an der Uni Heidelberg damals über Katharina Rutschky.
    Vielleicht kann man von Katharina Rutschky auch lernen, wie dumm es ist, Menschen in Schubladen zu stecken – siehe „rechtschaffene Linke“, in einer Zeit, in der Linke nach 15-20 Jahren erst sehr langsam wieder mehr als eine wohlfeil zu sprachknüppelnde Mini-Minderheit waren.

  • Hannes Stein sagt:

    Lieber Ingo,
    ein sehr schöner Text. Ich kannte Katharina Rutschky noch weniger gut als Du, durch Deinen Beitrag wird sie mir richtig lebendig.
    Ich schreibe dies übrigens im Getty-Center in LA. Da bisse platt, wa?
    Herzlich
    Dein Hannes

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