Asaf Schurr: Motti (Buchkritik)

28. Juni 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zwei Freunde, eine Kneipentour, ein Autounfall. Eine Frau wird überfahren, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Motti, jener der beiden Freunde, der nicht am Steuer saß, nimmt die Schuld auf sich und geht für seinen Freund Menachem, den Todesfahrer, für fünf Jahre ins Gefängnis. Seine einzige Bitte: Menachem möge sich um Mottis geliebte Hündin Leika kümmern.

Der 35-jährige Asaf Schurr erzählt in Motti, seinem zweiten Roman (dem ersten, der in deutscher Übersetzung vorliegt), die Geschichte einer ungleichen Freundschaft, in der sich die Machtverhältnisse auf einmal umkehren. Wie Menachem statt Dankbarkeit nach und nach Haß auf Motti entwickelt, weil er bei diesem in der Schuld steht, andererseits zu seiner Verantwortung nicht stehen will, um sein bürgerliches Leben nicht zu gefährden, und wie Mottis scheinbares Selbstopfer sich als Flucht vor sich selbst (und vor der heiklen Liebe zu der Nachbarstochter Ariella) erweist, das wird in klarer, schmuckloser Sprache und mit scheinbarer Naivität erzählt.

Asaf Schurr

Asaf Schurr auf der Leipziger Buchmesse 2010 (mit Shelly Kupferberg)

Es gehört zum Konstruktionsprinzip dieses Romans, daß der Erzähler solche Naivität immer wieder durchbricht, indem er selbst in Erscheinung tritt und darauf aufmerksam macht, daß alles nur ausgedacht ist. Das ist am Anfang durchaus erfrischend, etwa wenn der Erzähler offen zugibt, unwahrscheinliche Wendungen zu konstruieren, weil sie seinem Plot nützlich sind, oder wenn er die Vorgeschichte seiner Figuren selbst nicht genau zu kennen scheint: »Gut möglich, daß sie sich in der Armee kennengelernt haben. Zum Beispiel. Bei Israelis nichts ungewöhnliches. Möglicherweise schon vorher, in der Schule.« Das Bild des Autors als Gott einer in sich geschlossenen Welt erfährt dadurch Korrekturen. Das Stilmittel nutzt sich aber schnell ab und ist dann durchschaut als ein allzu aufdringliches Spiel mit inzwischen auch schon wieder altbackenen postmodernen Sprach- und Erzähltheorien.

Die Geschichte um Motti und seine Einsamkeit ist jedoch stark genug, um auch durch diese ironischen Brechungen hindurch noch zu berühren.

Asaf Schurr: Motti. Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch. Berlin Verlag, Berlin 2010, 224 S., 22 €

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