Meinungseunuchen

19. Juli 2010 § Ein Kommentar

Steffen Seibert ist Journalist – und demnächst Angela Merkels Regierungssprecher. Das empört nun all jene seiner Kollegen, die das (dem verstorbenen Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebene) Bonmot „Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“ wie ein Mantra wiederholen – und infolgedessen entweder sterbenslangweiligen Journalismus produzieren oder den je eigenen bias als Goldstandard der Objektivität definieren (eine nicht nur unter Nahostkorrespondenten sehr verbreitete Haltung).

Der Blogger Gregor Keuschnig rückt die verzerrte Selbstwahrnehmung mancher Journalisten auf erfrischende Weise zurecht:

Es gab immer schon Journalisten, die von ihrem Amt in die Regierungsadministration wechselten. Und es waren nicht die schlechtesten: Conrad Ahlers beispielsweise (ein „Spiegel“-Mann und später, nach Aufgabe seines Regierungssprecheramtes, ein polemischer Regierungskritiker). Oder – ebenfalls für die sozial-liberale Regierung, Klaus Bölling und Rüdiger von Wechmar. Später dann für die Kohl-Regierung Peter Boenisch und – auch vom ZDF – Friedhelm Ost. Für die Regierung Schröder sprach mit Uwe-Carsten Heye auch ein gelernter Journalist.

Gestandene Journalisten wie Günter Gaus oder Klaus Harpprecht engagierten sich in den 1970er Jahren in der Regierung Willy Brandt unter anderem als Redenschreiber und kehrten danach in ihren Beruf zurück.

Waren das nun alles verkommene Propagandisten der Macht, wie uns suggeriert werden soll? Ist das gar die Stufe zur „Berlusconisierung der Gesellschaft“? Unsinn. Die Journalisten, die dieses Amt antraten, waren schon zu ihrer Zeit anerkannte Vertreter ihrer Zunft. Sie sympathisierten mit der jeweiligen Regierung. Man merkte es ihnen vielleicht schon vorher an ihrer Berichterstattung an. Journalisten waren und sind keine Meinungseunuchen. Sie sind auch keine Staatsanwälte, die fortlaufend irgendwelche Mißstände aufzudecken haben.

Unter den Kommentaren finden sich auch noch einige Perlen:

Gregor Keuschnig – 2010-07-13 13:41
Wenn ein Gesinnungsjournalist wie Küppersbusch sinngemäss sagt, wer ein solches Amt annehme, sei nie Journalist gewesen, muss ich mich fragen, ob er (1.) noch alle Tassen im Schrank hat und (2.) ob seine grandiose Gesinnungsethik nicht weit mehr Ursache für den politischen Niedergang der Repräsentationskultur ist, als Seiberts Affirmationsstreben.

Gregor Keuschnig – 2010-07-13 15:29
Generell müsste man einmal diskutieren, ob die journalistische Anmaßung der „vierten Gewalt“ nicht auch Ursache dieser Entrüstung ist. Tatsächlich ist diese Selbstbehauptung längst ein Selbstläufer geworden; jeder Lokaljournalist sieht sich heute als wichtiger Informationslieferant oder gar Aufklärer.

Lothar K. (Gast) – 2010-07-13 14:25
… mir ist es lieber, die politischen Preferenzen eines Journalisten zu kennen, schliesslich kann ich dann seine Berichte im entsprechenden Kontext lesen. Dieses „typisch deutsche“ Gehabe, dass ein Journalist in jeder Hinsicht objektiv zu sein habe, ist sowieso Wunschdenken.

Da sind mir die USA lieber. So polemisch beispielsweise Fox News oder ein Glen Beck unterwegs sind, wenigstens ist jedem mit Hirn klar, das beide treu zu den Republikanern stehen. Auch dass ein Jon Stewart mit den Demokraten sympathisiert ist bekannt, wenn also in seiner Show die eine oder andere kritikwürdige Aktion von der Seite unter den Tisch fällt, beschwert sich keiner.

Sowas nennt sich IMHO Meinungsvielfalt, nicht die Forderung, dass eine Quelle alle Meinungen unter einen Hut bringen soll oder gar, dass alles aus einer subjektiven Sicht geschehen soll.

Gregor Keuschnig – 2010-07-14 12:02
Den ach so objektiven Journalismus gibt es nicht. Ich habe in der Vergangenheit festgestellt, dass diejenigen, die sich am meisten als „objektiv“ gerieren, die schlimmsten Demagogen sind. Mit der Zeit weiss oder ahnt zumindest die politischen Präferenzen des Berichterstatters. Entsprechend besser lassen sich ja dessen Urteile dann einordnen. So funktioniert die Meinungsbildung beim Zuschauer über den „indirekten“ Weg.

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