Tendenzen und Mißverständnisse. Peter Hacks und der Antisemitismus. Teil III

30. Juli 2010 § 3 Kommentare

Teil I.

Teil II.

III.

Kommen wir auf meine zuvor angebotene Deutung zurück, Peter Hacks sei der Antisemitismus so zuwider gewesen, daß er sein Vorliegen auch dort abstreiten mußte, wo es kaum abzustreiten war, um nicht bekämpfen zu müssen, was er liebte: das Selbstverständnis seines Staates, der DDR. Eine gewaltige Verdrängungsleistung, gewiß, und wie bei solchen üblich, kehrt das Verdrängte oft in entstellter Form an die Oberfläche zurück. Die Schönheit und Heiterkeit der Hacks’schen Stücke täuscht leicht über so manche inhaltliche Häßlichkeit hinweg. Und hier sind wir bei der Figur des Aron Kisch aus den Binsen. Meine Bemerkung in ARGOS 4, diese Figur könne möglicherweise antisemitische Züge tragen, war wie gesagt der Anlaß zu Daniel Rapoports länglicher Ausführung, warum es sich nicht zieme, Peter Hacks in die Nähe des Antisemitismus zu bringen, wenngleich er letztlich einräumen muß, daß es bei Hacks „so Stellen“ gibt, die auch er, Rapoport, lieber nicht in der Welt sähe.

Mit meiner Bemerkung hatte ich meinerseits auf die folgende Charakterisierung des Aron Kisch bei Jens Mehrle (in ARGOS 3) reagiert: „Sein Land zu schädigen allerdings, wäre für ihn normal, genauer: er hat keines.“ Der Kapitalist, der sein Land schädigt, weil er keines hat, das ist nun freilich der „wurzellose Kosmopolit“ aus der Mottenkiste der Stalinschen Paranoia. Und ist eine solche Figur dann auch noch jüdisch konnotiert – ich bitte Sie, welche Schlüsse soll man denn ziehen?

Hacks zeigt in der Komödie „Die Binsen“ eine DDR im Niedergang. Justine, eine Mitarbeiterin im Handelskontor, gelingt der Coup, eine Schiffsladung Rinder an das rinderreiche Argentinien zu verkaufen und im Gegenzug Schuhe zu importieren, die derart minderwertig sind, daß sie sich selbst der argentinischen Unterschicht nicht andrehen lassen, in der DDR wegen ihrer ausländischen Herkunft jedoch begehrt sind. Diesen Deal bringt Justine dank ihrer Beziehung zu dem argentinischen Geschäftsmann Aron Kisch zuwege, der sich bereit findet, den entsprechenden Vertrag mit dem staatlichen Handelskontor abzuschließen.

Vorgestellt wird Aron Kisch von der Sekretärin Vierbein als ein „sagenhaft reicher Mann, ein Geldgott. Er hat einen von diesen bezeichnenden südamerikanischen Namen“. Wie Aron Kisch ganz offensichtlich einer ist … – Kurz darauf erfahren wir von Kischs zeitweiliger Geliebten Justine, daß sie nicht gezwungen war, sich in der Konversation mit ihm der spanischen Sprache zu befleißigen, denn „Herr Kisch spricht deutsch.“ Ein praktischer dramaturgischer Kniff, denn auf der Berliner Bühne muß Deutsch gesprochen werden, man kann ja schlecht Untertitel einblenden oder einen Dolmetscher in das Stück hineinschreiben, der überallhin mitläuft. Und doch muß es einen Grund für Kischs Sprachkenntnisse geben, denn das Deutsche steht auch bei den weltgewandtesten internationalen Unternehmern nicht unbedingt obenan. Bleibt die Abkunft von deutschen Vorfahren, die aus bestimmten Gründen das Land ihrer Geburt verlassen haben. Daß es sich um Nazis handelte, die sich über die Rattenlinie an sichere Gestade flüchteten, ist bei dem Namen Aron Kisch unwahrscheinlich. Nun.

Den buchstäblichen Kuhhandel zwischen der DDR und dem südamerikanischen Staat, aus dem er kommt, kann Kisch deswegen abwickeln, „weil er den argentinischen Präsidenten vertraulich kennt“ – das bedeutet, weil jener diesen gekauft hat, mit seinem Geld dessen Politik bestimmt.

Aron: Ich verkehre gelegentlich im Haus des Präsidenten, sagte ich das nicht?
Karl: Ihr Präsident, steht er nicht links?
Aron: Keine Ahnung. Ich habe mein Geld in ihm; ich habe versäumt, auf seine Überzeugungen zu achten.

Egal, welcher Partei der Präsident angehört, die Politik seines Landes bestimmt das Großkapital, und dieses ist jüdisch und hört auf den Namen Aron Kisch. In der Tat erwägt Kisch, worauf Mehrle hinweist, für einen kurzen Augenblick, Justine zuliebe in die DDR überzusiedeln, aber nur deshalb, weil er glaubt, auch das Politbüro kaufen zu können: „Weshalb nicht? Ich könnte mich mit eurem Präsidenten anfreunden“, so wie er auch schon mit dem Präsidenten seines Staates befreundet ist.

Der im übrigen kaum der argentinische sein dürfte. Argentinien war, als Hacks die „Binsen“ schrieb, eine Militärdiktatur und hatte mit Videla und Viola Präsidenten, die keine linken waren. So wie Preußen im Stück nicht das historische Preußen meint, sondern die DDR, so meint Argentinien nicht den gleichnamigen südamerikanischen Staat, sondern entweder den kapitalistischen Westen im allgemeinen oder die USA im besonderen, wofür spricht, daß diese zur Zeit der Entstehung des Stückes mit Jimmy Carter tatsächlich von einem linksstehenden Präsidenten regiert wurden. Ein jüdischer US-Kapitalist wäre auch Hacks zu platt gewesen, und Argentinien hat immerhin die größte jüdische Gemeinschaft Südamerikas, so daß ein Aron Kisch gut auch von dorther stammen könnte.

Warum beharre ich so sehr darauf, daß Aron Kisch Jude ist? Könnte er nicht zufällig so heißen und nur rein zufällig aus Deutschland stammende Vorfahren haben? Gewiß, doch dann sagt er, als Karl, sein Rivale um die Liebe Justines, im Wald zu kampieren gedenkt: „Man muß ihm hinterhergehen und sehen, wo er seine Laubhütte aufstellt.“ Und der Ausdruck „Laubhütte“ ist ausschließlich in Zusammenhang mit Sukkot, dem Laubhüttenfest der Juden, geläufig. Diese Laubhütten sollen an jene Zelte erinnern, die die Israeliten errichteten, als sie durch die Wüste wanderten, in Ermangelung eines Vaterlandes. Schauen Sie, je näher ich mir diese Figur des Aron Kisch ansehe, umso mehr verfestigt sich meine Überzeugung, daß es sich bei ihr um eine antisemitisch konnotierte Judendarstellung handelt. In einem früheren Aufsatz habe ich die sympathischen Züge erwähnt, die Hacks dieser Figur verleiht. Die muß er, Kisch, jedoch auch haben – als der Verführer, als der er dargestellt wird. Auch Veit Harlans „Jud Süß“ ist ein durchaus sympathischer und charmanter Verführer. Wer wäre nicht gern wie er? Er sieht gut aus, verfügt über Bildung und Geschmack, hat das Geld und die Frauen. Ehe manche Argos-Leser nun wieder die Wände hochgehen: Natürlich ist Hacks nicht Harlan; er ist von dessen Intentionen so weit entfernt, wie es nur geht. Aber nach Harlan eine Figur wie den Aron Kisch zu kreieren, das kann man eigentlich nicht machen. Hacks, scheint Rapoport nahezulegen, dachte, er könne, da er ja antifaschistisch imprägniert sei.

Hacks führt den Niedergang der DDR in den „Binsen“ nicht auf hausgemachte Gründe, sondern auf das Eindringen der kapitalistischen Warenwirtschaft zurück, auf das schleichende Unheil, das aus dem Ausland kommt, verkörpert in der Person des Verführers Aron Kisch. Das Versagen der DDR besteht für Hacks hauptsächlich darin, sich gegen die Verlockungen des Westens nicht genügend abgeschottet zu haben. Die sozialistischen Tugenden, verkörpert in Justine, drohen durch den Charme dieses Verführers korrumpiert zu werden, gleich wie die Justine de Sades. Anders als diese vermag es Hacks‘ Justine am Ende, der Verführung standzuhalten, sie entscheidet sich gegen ihre Neigung und, dem Vaterland zuliebe, für die Pflicht. So wie Justine wünschte sich Hacks im Jahr 1981 die DDR: Sie möge doch der Verführung widerstehen und sich vom Westen keinen Kram andrehen lassen, so wie sie sich im Stück von Kisch Rinder verkaufen läßt, die sie gar nicht braucht, da sie ja soeben selber welche exportiert hat.

Hacksens Größe, auch das muß gesagt werden, zeigt sich wiederum darin, daß er nicht der Versuchung erliegt, ja diese nicht einmal zu empfinden scheint, Kisch für den Schaden, den er dem sozialistischen Preußen zugefügt hat, Bestrafung widerfahren zu lassen (vom Verlust der Geliebten einmal abgesehen). Ihm ist gestattet, in Würde abzutreten und sich weiterhin seinen Geschäften zu widmen. Sogar ein gelegentliches Wiedersehen mit Justine wird in Aussicht gestellt. Hier siegt die Klugheit des Dramatikers, der alle Figuren zu ihrem Recht kommen läßt. Ein Feind bleibt Kisch dennoch, wenn es bei Hacks auch eine Gentleman-Feindschaft ist. Mal ehrlich: Werden Sie ganz schlau aus dieser Figur? Ich werde es nicht.

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