Über eine Steinigung im Iran

12. August 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani droht die Todesstrafe. Durch Steinigung. Wegen angeblichen „Ehebruchs“. Zwar ist die Vollstreckung einstweilen ausgesetzt, aufgehoben ist das Todesurteil damit aber noch lange nicht.

Man liest das Wort „Steinigung“, man weiß, daß es sich um eine barbarische, grausame Art der Bestrafung handelt, aber was heißt in diesem Zusammenhang schon „wissen“?

Mely Kiyak hat in ihrer Kolumne für die Berliner Zeitung am letzten Samstag eine solche Steinigungsprozedur beschrieben – aus der Ich-Perspektive. Ein beklemmender, außergewöhnlicher, ein ganz starker Text, der mich nicht mehr losgelassen und mich bis in meine Träume verfolgt hat:

Ich stelle es mir vor: Ich stehe vor einem iranischen Gericht. Ich werde nicht angehört. Der Richter spricht das Urteil. …

Im Morgengrauen öffnet sich das Gefängnistor. Bin ich erleichtert, weil es endlich geschieht? Ein weißes Tuch wird mir um den Körper gewickelt. Auch um das Gesicht. Der letzte Streifen Leben, den ich sehe, ist ein frischer Zweig, an dem eine errötete Aprikose hängt. Schaut man am Ende wirklich hoch? Der letzte Blick bleibt wohl doch nur am Schnürsenkel eines Schuhs hängen. Schnürsenkel. Dunkelheit.

Das Auto. Die Schlaglöcher der Straße. Der Körper rumpelt jede Bewegung mit. Nach der Fahrt eine Strecke zu Fuß. Erst wenn man nichts sieht, merkt man, wie uneben die Erde ist. „Los.“ Der Schubs eines Unbekannten ist die letzte Berührung. …

Ich fühle, wie der Boden unter meinen Füßen Halt bekommt. Sand schmiegt sich um meine Beine. Da es noch früh am Morgen ist fühlt er sich frisch an. Ob ich das wirklich merke? Vielleicht verpasse ich auch die feste Umarmung des Sandes, weil meine Gedanken nun woanders sind? Als ob die Erde es nicht ganz geschafft hat, mich zu verschlucken, schauen jetzt nur noch Brüste, Schultern und Kopf heraus.

Dann das erste Allah-uh-akbar. Kapitel für Kapitel arbeitet der Kadi gewissenhaft die Strafe ab. Stein für Stein wacht er über das Gesetz. Der Schmerz tritt verzögert ein. Der Sand hält mich zu fest. Er hindert mich am Ausweichen. Jeder Stein prallt mit voller Wucht auf. Vielleicht eine Stunde lang. Vielleicht zwei Stunden lang. Der Schleier klebt in den Nasenlöchern. Kleidet die Mundhöhle aus. Sand gerät unter den Stoff. Schmirgelt die Augenwinkel ab. Weil die Arme nichts abwehren können, bleibt nur, den Schmerz aus dem Schritt zu drücken. Jeder Atemzug wird durch einen Stein aufgehalten. Der Atem staut sich in alle Richtungen. Oben im Gehörgang knirscht der Druck. Weiter unten, im Busen, bleibt der Atem einfach stecken. Glück ist, wenn das Ich vor dem Körper geht. Bevor nach vier Stunden der zuckende Hügel aufgibt, verbeugt er sich ein letztes Mal vor dem Leben, neigt sich über die blutig gegossene Erde und bleibt liegen. Dann endlich wird auch der Lärm aufhören. Denn sie haben die ganze Zeit gebrüllt und gebetet. Sie haben vor Gott angegeben. Sie glauben, dass er lobend zuschaut.

Sie soll die Nächste sein: Sakineh Mohammadi Ashtiani. Alter: 43. Vorwurf: Ehebruch. Urteil: Tod durch Steinigung.

Ihre beiden Kinder, die17-jährige Farideh und der 22-jährige Sajjad bitten verzweifelt um Hilfe: freesakineh.org.

Tagged:, , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Über eine Steinigung im Iran auf By the Way ....

Meta

%d Bloggern gefällt das: