„Freiheit aushalten“

17. Oktober 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt noch Kabarettisten – oder wie man heute sagt: Comedians -, die weder dem linksliberalen Weltekel verfallen, um sich ihrem Studienratspublikum anzudienen, noch die neospießige Wende zu „Werten“ und Religion mitvollziehen. Zu ihnen gehört Dieter Nuhr. Dem Kölner Stadtanzeiger hat er ein Interview gegeben. Auszüge daraus:

Es gibt immer mehr Menschen, die mir vorschreiben möchten, wie ich zu leben habe. Früher haben sich Kabarettisten darum bemüht, anzuecken. Inzwischen hat man Angst, dass die Menschen in Islamabad auf die Straße gehen, wenn man etwas Falsches sagt. …

Wir glauben an wilde Verschwörungstheorien, weil wir uns die Welt nicht erklären können. Da fängt der Glauben an. …

Freiheit muss man aushalten können. Es wird zunehmend toleriert, dass man den Mund halten muss. Wenn der Papst nach Deutschland kommt und Hunderttausende jubeln ihm zu, macht mir das Angst. Dieser Mann hat gerade die Vorhölle für ungetaufte Kinder abgeschafft. Als normaler Mensch würde man deswegen in eine geschlossene Anstalt kommen. …
Ich werde es nie begreifen, dass jemand glaubt, es gäbe einen Messias oder den lieben Gott persönlich. Wir haben es schließlich geschafft, Staat und Kirche zu trennen: Ein großer Sieg der Zivilisation. Im Moment sehe ich eher, dass die Welt sich entzivilisiert. Unsere Generation hat es nicht gelernt, anständig spießig zu sein. …
Meine Generation hat beigebracht bekommen, dass man immer ehrlich sein muss – ganz furchtbar. Aber Ehrlichkeit und Höflichkeit gehen nur ganz selten zusammen. Ich bin ein großer Freund der Abrüstung, auch in der Familie. Und ich bin ein großer Anhänger der Spaßgesellschaft. …
Es gibt Menschen, die glauben, dass der Spaß im nächsten Leben anfängt, in diesem solle man demütig sein. In den meisten Fällen ist Religion nicht mit Freude verbunden. Da ist der Katholizismus allerdings eine rühmliche Ausnahme. Die Beichte ist etwas Wunderbares. Man darf alles tun, muss nur hinterher Bescheid sagen. …
Ich gebe zu, dass mir der Glaube grundsätzlich fremd ist. Ich versuche, mir die Welt wissenschaftlich zu erklären, obwohl ich natürlich auch ständig etwas glaube, indem ich mir Dinge zusammenreime. Wenn es so etwas gibt wie einen Gott, werde ich aber nicht rauskriegen, wer er ist und wie er aussieht. Ich bin nur sicher, dass er keinen Bart hat. …
Ein grundsätzlicher Irrtum (dass man die Natur schützen), weil der Mensch damit nur scheinbar etwas Generöses tut. Als wenn die Natur jemand wäre, den man pampern müsste! Quatsch. Wir müssen uns vor ihr schützen. Die Kultur bedeutet ja Flucht vor der Natur. Es brennt, es friert, es regnet – das ist unangenehm für uns Menschen. Dass wir auf der Erde sind, hängt auch damit zusammen, dass wir der Natur entkommen sind. …
Der Meeresspiegel steigt. Aber ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass ich mit dem Auto zum Bäcker fahre. Der Meeresspiegel steigt seit 10 000 Jahren. Mich stört, dass man so tut, als könnten wir den Klimawandel aufhalten, wenn wir den Kühlschrank nicht so weit aufmachen.

(Via Tobias Kaufmann, Achse des Guten)

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