Wer ist zur Elchkritik befugt?

22. Dezember 2007 § 14 Kommentare

Nicht von F.K. Waechter stammt übrigens der berühmte Zweizeiler „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“. Aber auch nicht von Robert Gernhardt. Sondern von F.W. Bernstein, dem letzten Überlebenden der Trias. Hier erzählt er, wie es dazu kam. (Nicht, daß er bis heute überlebte, sondern wie das Elchbonmot aus der Taufe gehoben ward.) Die dazugehörige Zeichnung wiederum stammt von Hans Traxler.

elchkritiker2.gif

Mir scheint, daß die Rezeption des Elchgedichts durchgehend von einem fundamentalen Mißverständnis geprägt ist. Vergleichbar der Fehldeutung jenes berühmten Cartoons von Hans Traxler, auf der ein Lehrer zu den versammelten Tieren spricht: „Im Sinne einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für Sie alle gleich: Klettern Sie auf den Baum“.

traxler.png

Vermutet wird nämlich stets, Traxler nähme hier mit spitzer Feder die Diskriminierung von Schwachen, Behinderten, Andersbegabten etc. aber so was von aufs Korn, daß einem das Lachen im Halse steckenbleibt usw. Nichts weniger als dieses. In den achtziger Jahren blickte Traxler – ich glaube, in der Titanic, finde die Quelle gerade nicht – auf die Rezeptionsgeschichte seiner wohl populärsten Zeichnung zurück. Vor allem in Publikationen der GEW u.ä. sei sie immer wieder nachgedruckt worden, wenn es darum ging, den kapitalistischen Leistungsterror anzuprangern, der den zarten Schülerseelen den Mut zum Träumen austreibt u. dgl.

Traxler hingegen bezeichnete in jenem Titanic-Beitrag seinen Cartoon nicht ohne einen gewissen Stolz als „das reaktionärste, was ich jemals gezeichnet habe“. In einer Art anti-egalitärer Aufwallung wollte sich Traxler vielmehr über die gerade an Schulen verbreitete sozialdemokratische Gleichmacherei lustig machen (man schrieb die siebziger Jahre), die jeden Einzelnen über den Leisten standardisierter Prüfungsaufgaben schlägt und jeglicher Individualität, Hochbegabung gar oder – horribile dictu – Freude an überdurchschnittlicher Leistung zutiefst mißtraut.

Doch der Künstler kann nicht kontrollieren, was mit seinem Werk passiert. Und da sind wir bei den Elchen. Hervorgekramt wird der Spruch über die Kritiker der Elche, die früher selber welche waren, zumeist dann (auch wenn der, der ihn im Munde führt, nicht so genau weiß, woher der hübsche Zweizeiler stammt), wenn es darum geht, Hohn, ja Häme über solche auszuschütten, die man als Konvertiten, Renegaten, Aussteiger zureichend beschrieben zu haben meint. Also solche, die einmal links waren, später dann aber nicht mehr. Oder die sich vom Islam, von Scientology, vom Katholizismus, vom Donaldismus losgesagt haben und nun dem staunenden Publikum berichten, was sie dort erlebt haben und wie sie, die Elche, so ticken.

Zitiert wird das Elchwort dann mit der Intention: Die Elchkritiker, die früher selber Elche waren, sollen mal lieber ihren Mund halten. Denn weil sie selber Elche waren, können sie die Elche gar nicht objektiv kritisieren, sind sie doch derart traumatisiert und infolgedessen affektgeladen, daß ihre Darstellung der Elche notwendig verzerrt wird. Die Psyche des Elchkritikers wird zum Thema erhoben, nicht, was er über die Elche womöglich Wissenswertes zu erzählen weiß. Verharrt er, der Ex-Elch, nicht, in seinem elchkritischen Furor, nach wie vor in vollendeter Elchhaftigkeit, die man, wie dieser, abzulehnen vorgibt?

Dabei ließe sich das Elchcouplet durchaus auch so lesen: Die besten Kritiker der Elche / waren früher selber welche. Denn welche Kritik könnte besser sein als jene, die ihren Gegenstand aus eigenem Erleben genau kennt? Eine Kritik, die sich mit Sprache, Denkweise, Habitus und Mentalität der Elche, indem sie sich ihr einst anverwandelte, so vertraut gemacht hat, daß sie das denkbar getreueste Elchbild zu liefern imstande ist.

So weiß der Ex-Elch mehr über die Elche als der Noch-nie-Elch. Dieser sagt beim Anblick der Elche vielleicht: „Aber ich kenne ein paar Elche, die sind ganz nett“ oder „Elche sind zwar schlimm, aber Elchkritiker sind auch nicht viel besser. Eher noch schlimmer“ oder „Ich mag die Elche auch nicht, aber man kann das Elchtum nicht verbieten, und wenn ich’s recht bedenke, sind mit die Elche sogar noch sympathischer als die antielchischen Ex-Elche mit ihrem nervigen Beharren auf Elch-Distanz“. Und während der ex-elchische Elchkritiker noch sagt: „Aber schau, unter ihren seriösen Mänteln und ihren schicken Hüten tragen sie noch immer ihre alten Hörner, und wenn sie die Gelegenheit kriegen, werden sie sie auch benutzen. Ich weiß das, ich trug auch mal solche“, berät der Noch-nie-Elch schon mit den Elchen über die Formen zukünftiger fruchtbarer Zusammenarbeit.

Und der Elchkritiker kann nur grübeln, was den Kritiker der Elchkritik antreibt: „Die Beschwichtiger der Elche / wärn gern heimlich selber welche“? Oder sie haben ganz einfach keine Lust, sich gegen das Ohnehinnige zu stemmen.

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§ 14 Antworten auf Wer ist zur Elchkritik befugt?

  • km21 sagt:

    Ich glaube, dass Deine Kritik einen fundamentalen Mangel/Fehler(?) aufweisst, den nämlich, dass Du annimmst, dass das eine im Widerspruch zum anderen steht.

    Was Du beschriebst sind mögliche Schlussfolgerungen aus der inhaltlich weitgehend korrekten Deutung der beschriebenen künstlerischen Äusserungen.

    Anzunehmen, dass eine andere Deutung als die selbst gedeutete vermeintlich Deutung durch einen Dritten gegebenenfalls falsch ist, ist aus mehreren Gründen gleichzeitig falsch. Der Hauptgrund für die Falschheit dieser Annahme ist, dass sie unterstellt, dass es eine falsche Deutung künsterlischer Äusserungen geben kann.

    Es kann wohl einen Widerspruch zwischen der Absicht des Künstlers und Interpretation seines Werkes durch die Rezipienten geben. Anzunehmen, dass in einem solchen Fall die Rezipienten falsch liegen könnten, würde gleichzeitig bedeuten, zu unterstellen, dass der Künstler falsch liegen kann. Und das ist, für meine Vorstellung von der Kunst, ausgeschlossen.

    Die Informationen, die künsterlische Äusserungen aussenden, sind in der Regel missverständlich, mehrdeutig und insbesondere unscharf. Diese Eigenschaften sind wesentlich charakteristische Merkmale künsterlischer Äusserungen. Sie sind nur im Zusammenhang mit den momentanen Umgebungsbedinungen des Rezipienten und nur von diesem selbst in seiner Weise deutbar.

    Kurz: Kunst ist eine Hure. Wie bereits bescheiden geschichtsbewanderte Menschen leicht nachvollziehen können, können die gleichen Kunstwerke sowohl für Kriegsgesänge, wie auch zur Besinnung eingesetzt werden. Es kommt nur darauf an, die Umgebungsbedingungen anzupassen.

    Die Deutung eines Kunstwerkes oder einer künstlerischen Äusserung kann also nicht falsch sein, sie ist lediglich Ausdruck für das Netz der Umgebungsbedingungen des Rezipienten und multifunktional.

    Diese Deutung dann selbst zu deuten, erzeugt eine derartige Komplexität in der Gesamtbetrachtung, dass es keinen Sinn hat, sich mit darauf fussenden Schlussfolgerungen zu befassen, selbst wenn nur analysiert werden sollte, welche Umgebungsbedingungen vorgeherrscht haben müssen, um zu jener (der zu analysierenden) Deutung zu gelangen.

    Denn (fatal) die Deutung einer Deutung KANN durchaus falsch sein – um Unterschied zur Deutung selbst, wenn sich diese auf eine künstlerische Äusserung bezieht.

    Um nicht auf reine Wortakrobatik beschränkt zu werden, möchte ich allen Lesern demonstrieren, wo der Hase im Pfeffer liegt:

    Treffen wir uns dazu am Montag 10:00 Uhr am Bahnhof und dikutieren darüber, ok?

  • […] 22.12.2007 von km21 Dieser Beitrag bezieht sich auf jenen: Elchkritik […]

  • Klaus Bloemker, Frankfurt am Main sagt:

    Zum Elchspruch.

    Die Deutung „die besten Kritiker“ ist nicht falsch aber nicht gut.

    Wenn ich höre, ‚die schärfsten Krikiker‘ der XYZ, denke ich zunächst an diejenigen, die auf dem in Frage stehenden (ideologischen) Spektrum am anderen Ende stehen, die in scharfer Opposition zu XYZ stehen.

    Wenn ich z.B. höre ‚die schärfsten Kritiker der Amerikaner‘, ‚die schärfsten Kritiker der Beamten‘ usw., denke ich zunächst nicht an (Ex-)Amerikaner oder (Ex-)Beamte.

    Wenn ich dagegen höre, ‚die besten Kritiker der Amerikaner‘ käme ich durchaus auf die Idee zu sagen: sind die Amerikaner selber.

    Der Überraschungseffekt in dem Elchspruch ist größer wenn man ’schärfer‘ sagt.

  • Zettel sagt:

    Lieber km 21,

    da wir uns nicht kennen, bin ich mir nicht ganz schlüssig, ob Ihr Beitrag gekonnte Satire ist oder ernst gemeint.😉

    Der Spruch von den Elchen ist, man kann es ja im Elchblog in aller Ausführlichkeit nachlesen, unter recht dubiosen Umständen in einem VW Käfer auf der Fahrt nach Paris entstanden.

    Wer damals – wie z.B. ich – im jugendlichen Alter oft nach Paris fuhr, der kann sich ungefähr die Stimmung in der Nuckelpinne vorstellen; eine Stimmung, die ja auch eine solche Variante gebar wie die nun tatsächlich von Robert Gernhardt stammende:

    Die schärfsten Kritiker der Molche
    waren früher selber solche.

    Entstehungsgeschichtlich reiht sich das Elch-Couplet, auch wenn es nicht in WimS erschien, sondern – glaube ich – in „Die Wahrheit über Arnold Hau“, aufs Schönste in die Reihe der Tiergedichte ein, die damals unter dem Titel „Animalerotica“ das Herz und den Puls von uns WimS-Leser höher schlagen ließen.

    Auch die Zeichnungen des Kragenbärs („holt sich munter …“), der vielen Wächter’schen Schweine („wahrsacheinlich guckt wieder kein Schwein“) und Eulen etc. sollten in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden.

    „Erotische Allusionen und Subtexte in der Lyrik und Grafik der Neuen Frankfurter Schule vor dem Hintergrund der Erhard-Rezession und der durch sie ausgelösten soziökonomischen Verwerfungen“ – wäre das nicht ein Thema für eine Magisterarbeit, wenn nicht eine Dissertation?

    ————

    Aber let’s quit kidding: Ingo Way hat auf eine, wie ich finde, sehr hübsche Art das Elch-Couplet zum Aufhänger für seine Reflexionen zu Konvertiten, Renegaten & Co genommen. Aber zu „interpretieren“ gibt es, was das Werk Fritz Weigles angeht, wohl eher nichts.

    Herzlich, Zettel

  • Klaus Bloemker, Frankfurt am Main sagt:

    Ja, ja, wir Freunde Arnold Haus erinnern uns noch an den …

    zweiten Weihnachtsfeiertag
    als ich fast im Sterben lag

    – in diesem Sinne:

    Wasser werde Wein!
    Doch das Wasser ließ dies sein.

    Lahmer, Du kannst gehn!
    Doch er blieb auf Krücken stehn.

    Da ward auch dem Dümmsten klar,
    daß ich nicht der Heiland war.

    – frohes Christfest!

    Klaus

  • km21 sagt:

    Lieber Zettel,

    „… da wir uns nicht kennen, bin ich mir nicht ganz schlüssig, ob Ihr Beitrag gekonnte Satire ist oder ernst gemeint.😉 …“

    Danke! Das freut mich aufrichtig!

    Viele Grüsse,
    km21

  • M. Möhling sagt:

    Für das Ohnehinnige gibt’s wg. akutem Preziösitätsverdacht gelinden Punktabzug, ansonsten sehr gelungen. Des selbsterklärten Wortakrobaten km21s Hermeneutik zeigt, wie man’s nicht machen sollte.

  • Zack sagt:

    Ich denke ja bei dem Elchspruch immer auch das Bild mit: Die Kritiker sind, das ist ja leicht zu erkennen, in Wahrheit noch immer Elche. Die Tarnung mit den Trenchcoats ist doch eher dürftig. Insofern habe ich die schärfsten Kritiker der Elche immer für eine sehr scheinheilige Gang gehalten.

  • textgruen sagt:

    Dank Suchmaschine fand ich http://www.echolog.de/elchkritik/die_kritiker_der_elche.shtml und weils so schön war und einen Link enthielt, landete ich hier. Und finde Gedanken, die ich seit langen Jahren immer mal wieder hin- und hergerollt hab, unter neue Lupen genommen. Ich gebe den frisch erlesenen (s.o.) Hinweis Bernsteins auf „die alte Spruchweisheit der Steppenvölker“ zu bedenken:

    „Wer es sagt, der ist es selber.“

    Das spricht nicht gegen die oben von Ingo Way angestellten Überlegungen zu mehr oder minder diffamierenden Fremdzuschreibungen, aber das lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf die Frage, was den Sprechenden motiviert. Persönliche Erfahrung bestimmt die Perspektive beim Urteilen, die Perspektive der Kritik. Immer. Unweigerlich. Und je weniger wir das reflektieren, desto mächtiger kann eine unbewusste Motivation uns lenken. Nicht nur beim Urteilen über andere, auch beim Beurteilen unserer eigenen Situation, unserer unbefriedigten Bedürfnisse, verpasster Chancen, erlittenen Unrechts etc. Persönliche Erfahrung bestimmt unseren Blick – sowohl auf einen Sprecher, als auch auf das, wovon er spricht. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, wollen, unsere Annahmen mitten in der Situation – oder rückblickend – in Frage zu stellen. Weiter weiß ich an diesem Punkt auch nicht zu denken, doch ich denke, auf das Paradox, dass allen Urteilen und allen Metaurteilen über die Urteile anderer innewohnt, weist der Elchvers. Ohne abschließendes Urteil.

    In einer gewagten Laune hab ich den Elch übrigens mal umgeschraubt
    und erinnere mich sogar noch dran:

    „Der schärfste Elch der Kritiker
    wird später selbst Politiker.“

    Disclaimer (wertlos, gar kontraproduktiv):
    Mit obigem Zweizeiler sage ich nichts aus über die aktuelle deutsche oder über sonst irgendeine Landschaft. Welcher Natur auch immer.

    Textgrüne Grüße an alle, die mich erst zum Lesen, dann zum Stemmen gegen das Muster des Ohnehinnigen angeregt haben.
    Also zum Schreiben, jetzt und hier. Auch wenn das Gelesene außerhalb dieser virtuellen Sphären sicher mehr als nen Kaffeerand, fast schon Patina gesammelt hätte, fand ich diesen zeitversetzten Dialog sehr frisch und sehr erfrischend.😉

  • Große Dichtungen tragen vor immer eines in sich: das nicht erwartbare Gegenteil. Gell!

  • Briggegiggel sagt:

    Jetzt weiß ich auch, warum ich immer gesagt hab: Die größten Kritiker der Elche sind (!) meistens selber welche. Da ging es mir um die Selbstgerechtigkeit, zweierlei Maß anzulegen.

  • […] … war Vincent Klinks Brief, den HÄUPTLING EIGENER HERD, den er zusammen mit Wiglaf Droste 53 Mal veröffentlicht hatte, mit der Nummer 54 einzustellen. Gut, die Gründe sind nachvollziehbar und Vincent Klink stellt überdies in Aussicht, dass eine “Wiederauferstehung” möglich sei, dennoch ist die vierteljährliche Vorfreude auf ein ganz besonderes Literaturprodukt vorerst erloschen (worden). Momentan überwiegt die Freude über den Jubiläums-Häuptling zu Fritz Weigles 75. Geburtstag. Fritz Weigles Pseudonym ist wohl bekannter: F.W. Bernstein, allen älteren Menschen, die noch PARDON erleben durften, bekannt als der Schöpfer der Weisheit “die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche”. […]

  • lopera78 sagt:

    Reblogged this on lopera78.

  • George sagt:

    Hat dies auf TEXTARCHITEKT-Weblog rebloggt und kommentierte:
    Die schärfsten Kritiker der Elche
    sind oft noch heute welche.

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