Tendenzen und Mißverständnisse. Peter Hacks und der Antisemitismus. Teil I

28. Juli 2010 § 2 Kommentare

Die sechste Ausgabe der Literaturzeitschrift ARGOS – Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks ist nun erschienen. Darin findet sich, wie in diesem Blog angekündigt, ein Essay von mir zu der Frage, ob es im Werk des DDR-Dichters Peter Hacks (1928-2003) Antisemitismus gebe. In ARGOS Nr.5 behauptete der Chemiker Daniel H. Rapoport, schon diese Frage zu stellen, sei eine „Ungezogenheit“. Nun, ungezogen geht es weiter, in ARGOS auf den Seiten 137-148 und hier in einer dreiteiligen Reihe:

Ingo Way
Tendenzen und Mißverständnisse
Erwiderung auf Daniel H. Rapoport

I.

Die Vermutung, im Oeuvre eines Autors ließen sich antisemitische Tendenzen finden, führt fast zwangsläufig zu äußerster Gereiztheit bei dessen Freunden. Regelmäßig wird die besagte Vermutung nicht dankbar als Anlaß zu weiterer Forschung aufgenommen, vielmehr wird sie barsch zurückgewiesen, als unverschämte Unterstellung abgetan, wo nicht dem, der sie äußerte, niedere Motive unterstellt werden. Diese Reaktion scheint mir nicht völlig unnachvollziehbar. Man möchte, was man liebt und schätzt, nicht in den Schmutz gezogen wissen. Und schon der bloße Verdacht des Antisemitismus gilt inzwischen, aus guten Gründen und der Aufklärung sei Dank, als die gleichsam ultimative Beschmutzung.

Leider geht das verständliche Inschutznehmenwollen oft damit einher, das ex- oder implizit unterstellte Schwingen der Antisemitismuskeule mit einer Antisemitismuskeulenkeule zu kontern, so als wäre es absurd, das Vorkommen antisemitischer Denkmuster dort auch nur zu mutmaßen, wo nicht lauthals „Juda verrecke!“ gebrüllt wird. Dabei verrate ich wohl kein Geheimnis, wenn ich auf die zahlreichen Schriftsteller hinweise, deren künstlerischer Rang und auch deren sonstige Klugheit über begründete Zweifel erhaben sind und die dennoch über Juden sich in einer Weise äußerten, daß man sich peinlich berührt fragt, warum derjenige seine Ressentiments nicht im eigenen Interesse unartikuliert gelassen hat. Man kommt sich dem Autor gegenüber dann bisweilen vor wie der Barkeeper, der den Betrunkenen zu überzeugen versucht, ihm doch lieber seine Autoschlüssel auszuhändigen.

Gleichwohl: Wollte einer sein Bücherregal von allem reinigen, das Spurenelemente von Antisemitismus enthält, so bliebe kaum die Hälfte übrig, und manch Unersetzbares wanderte ins Altpapier. Wenn einer viel denkt und schreibt, dann denkt und schreibt er auch viel falsches, und gerade der künstlerische Schaffensprozeß ist darauf angewiesen, daß der innere Zensor gelegentlich schläft – wodurch sich aber auch manch finstere Gestalt aus dem Unbewußten an ihm vorbei ins Geschriebene hineinschleicht.

Das Mißverständnis besteht darin, der Nachweis antisemitischer Muster im Werk eines Autors bedeute, er, der Autor, sei mit Leib und Seele Antisemit. Die Weisheit des Katholizismus drückt sich in der Haltung aus, die Sünde zu hassen, aber den Sünder zu lieben (die der Katholizismus vermutlich der jüdischen Ethik entlehnt hat, aber besser gut entlehnt als schlecht erfunden). Ebenso weise ist die katholische Unterteilung in Todsünden und läßliche Sünden; so gibt es verschiedene Grade des Antisemitismus, Haß und Vernichtungswahn an dem einen, lächerliche Vorurteile, die keine weiteren Konsequenzen haben und von denen kaum jemand vollkommen frei sein dürfte, an dem anderen Ende der Skala.

Wo auf dieser Skala Peter Hacks sich befindet, das wäre zu diskutieren. (Um dies vorwegzunehmen: sicherlich eher an diesem Ende als an jenem, aber der Wissenschaft geht es schließlich um Genauigkeit.) Die Methode der Political Correctness, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und aus allen denkbaren Interpretationen die für den Urheber ungünstigste auszuwählen, um diesen hernach als bösen Menschen aus dem Diskurs der Anständigen auszuschließen, ist nicht meine. Es gibt allerdings auch so etwas wie eine invertierte Political Correctness, die sich jegliche Kritik verbittet und als ungehörig abtut.

Dies ist die Methode von Daniel H. Rapoport, der genau den von mir genannten Mißverständnissen aufsitzt. Indem er sich der „widerwillige(n) Untersuchung der Frage, ob Peter Hacks ein Antisemit gewesen sei“ widmet, begeht er schon den ersten Fehler, denn eine solche Untersuchung hat niemand von ihm verlangt, eine solche Frage niemand gestellt. Worauf er sich bezieht, ist unter anderem der Schlußabsatz meines Beitrages in ARGOS, wo ich schreibe: „Wenn der Unternehmer Aron Kisch [aus Hacks‘ Komödie „Die Binsen“] tatsächlich jener vaterlandslose Kosmopolit ist, der sein Land schädigt, weil er „keines hat“, dann müßte ich Hacks, bei der Wahl des Rollennamens, tatsächlich den Vorwurf des latenten Antisemitismus machen. Und das möchte ich eigentlich nicht müssen.“

Meine Irritation über die Rolle des Aron Kisch ist echt, meine Frage, was Hacks mit ihr bezweckt haben wollte, noch längst nicht beantwortet, der vermutete Antisemitismus wäre am Text festzumachen und nicht an der Person des Autors.

Man könnte es auch so sehen: So sehr war Peter Hacks kein Antisemit, so sehr wollte er keiner sein, daß er sich nicht vorstellen mochte, was in der von ihm gewählten Gesellschaft vor sich ging, könne irgendetwas mit Antisemitismus zu tun gehabt haben. Betraf es Juden, und betraf es sie in einer Weise, die sie schädigte, wie es sie nicht geschädigt hätte, wären sie keine Juden gewesen, dann handelte es sich allenfalls um einen politischen Konflikt, sei es, daß das Gefühl der Zugehörigkeit zur jüdischen Religion oder zum jüdischen Volk mit dem universalistischen Selbstverständnis des aufgeklärten kommunistischen Staates kollidierte (so antivölkisch, sich nicht mit Emphase an das deutsche Volk zu wenden, war die DDR-Führung in den fünfziger Jahren, von denen noch zu reden sein wird, wiederum nicht), sei es, daß der Zionismus als eine imperialistische Ideologie bekämpft wurde – mit Antisemitismus habe das jedenfalls nichts zu tun.

Zwar muß ich gestehen, daß mir die Art und Weise, wie Rapoport die Unwissenschaftlichkeit der Methode von Moishe Postone beweist, gefällt. Dessen Versuch, den Antisemitismus aus dem Wert herzuleiten und gleichzeitig die Kapitalismuskritik zu retten – das antikapitalistische Ressentiment, wo es sich gegen Juden richtet, auch noch dem Kapitalismus in die Schuhe zu schieben -, läuft letztlich auf die Empfehlung hinaus, das „raffende Kapital“ getrost zu hassen, sofern man das „schaffende Kapital“ nur hübsch mithaßt. Gleichwohl scheint mir der Begriff des Antisemitismus bei beiden, Hacks wie Rapoport, doch zu sehr auf den rassisch begründeten Antisemitismus des 19. Jahrhunderts verengt zu sein.

Der Antisemitismus, so geistlos er auch ist, wechselt seine Masken und paßt sie den Zeitumständen an. In einer christlichen Gesellschaft ist dem Antisemiten der Jude ein Christusmörder; in einer halbaufgeklärten, die zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft nicht zu unterscheiden vermag, nutzt er letztere, um die Minderwertigkeit des Juden biologisch zu „beweisen“; dem Reaktionär im Kaiserreich war der Jude ein Aufrührer und Sozialist, und den Stalinisten und ihren Nachfolgern war er Kosmopolit, Zionist, Trotzkist und Agent des Imperialismus; dem liberalen Europäer von heute ist er der starrsinnige Besatzer, der, indem er Häuser baut, einem gerechten Frieden im Nahen Osten im Wege steht. Nichts Neues unter der Sonne.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, was die DDR mit den Juden machte, als der Dichter Peter Hacks von München in Richtung Ost-Berlin aufbrach, weil er den Wunsch verspürte, im antifaschistischeren Deutschland zu leben. Manch einer kam ihm entgegen.

Teil II.

Teil III.

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Warum der Begriff „Islamophobie“ nichts taugt

31. Mai 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Chapeau, Herr Lau:

Islamophobie – mit diesem Konzept werden ohne Unterschied irrationale und rationale Ängste im Bezug auf den Islam zu Symptomen einer Art psychischen Krankheit erklärt. … Denn dadurch werden bestimmte Redeweisen und Einstellungen von vornherein in den Bereich der Angst gerückt und somit psychologisiert. … Der Begriff wurde durch eine Studie des britischen Runnymede Trust 1997 in die Debatte eingeführt.  Islamophobie und Rassismus stehen hier nahe beieinander, was auch problematisch ist: Denn ich kann sehr wohl feindliche Gefühle gegenüber dem Islam als Religion hegen, ohne Muslime dabei rassistisch abzulehnen. Sonst wäre Islamkritik und Islamfeindlichkeit vonseiten geborener Muslime ja nicht möglich. Auch dies ist ein Versuch, jede Kritik am Islam von vornherein als rassistisch zu diskreditieren.

Ja, der Islam hat ein gewalttätiges, aggressives und bedrohliches Gesicht. Terrorismus und Kulturkampf sind ihm nicht fremd. Ist der Islam dem Westen unterlegen? Ist er sexistisch? Ist er barbarisch? Letzteres würde ich nicht sagen, aber Barbaren im Namen eines bestimmten Islam gibt es zweifelsohne. Sie bringen mit Vorliebe andere Muslime um, wie wir mit Schrecken jeden Tag im Irak sehen können. Sexismus? Wer hier möchte aufstehen und sagen, dies sei ein völlig absurder Vorwurf? Dass der Islam dem Westen „unterlegen“ sei, ist die große Angst und der ANTRIEB aller muslimischen Reformdenker der letzten 200 Jahre. Warum sollten wir diese Aussage also tabuisieren? Nur weil es nicht in Ordnung ist, wenn Nichtmuslime sagen, was Muslime seit 200 Jahren sagen? … Eine Aussage, die Gegenstand eines innermuslimischen Streits ist, zum Symptom für „Islamophobie“ zu erklären, wenn sie aus dem Mund von Nichtmuslimen zu hören ist, das geht einfach nicht. Das ist eine Gefahr für die freie Debatte, für die freie Forschung. Das ist eine Attacke auf den wissenschaftlichen Fortschritt.

Muss ich den Islam nicht nur hinnehmen, sondern sogar bewundern, um nicht als islamophob zu gelten? Ist die Ablehung einer bekopftuchten Lehrerin – gerade unter Türken weit verbreitet – schon islamophob? Und was ist mit den Türken, die Kreuzberg verlassen, weil sie für ihre Kinder bessere Schulen wollen? zu sagen, die islamistischen Parteien fänden „starken Rückhalt bei Muslimen“ ist, global gesehen, ein Irrtum, wie wir aus vielen Umfragen wissen. In Ägypten ist es die reine Wahrheit.

Der Islamophobie-Begriff, wenn er sich durchsetzen sollte in der Breite, in der ich ihn hier skizziert habe, hätte fürchterliche Folge für unsere liberale Öffentlichkeit. Er wäre ein Instrument, um jede mißliebige Debatte zu ersticken. Diejenigen muslimischen Gruppen, die ihn in Großbritannien propagieren, sind durch die Salman-Rushdie-Affäre entstanden. Ich halte das nicht für einen Zufall. Die Verwendung des Islamophobie-Begriffs seitens dieser Gruppen ist ein Versuch, den in der Rushdie-Affäre gewonnenen Boden zu verteidigen und zu vergrößern.

Wer aber die Wahrnehmung der Menschen verändern will, ist schlecht berufen, mit Verboten, Tabus und Sprachregelungen zu arbeiten. Besser wäre es, der Öffentlichkeit ein anderes Image des Islam zu präsentieren. Allerdings darf das nicht bloß eine Art beschönigende Gegenpropaganda sein. Es muß ein authentisches Gegenbild sein, dass die problematischen Dinge nicht ausblendet und von echter Auseinandersetzung mit ihnen zeugt.

Darauf warten wir ja nun schon ein Weilchen.

Wo bin ich?

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